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Muslime in Aufruhr : Zorn, Hass und Rachegelüste

Die Wut über Israels Angriffe entlädt sich - wie hier im arabischen Teil Jerusalems Bild: AP

Die Wut gegen Israels Militärschläge entlädt sich in Massendemonstrationen. Sie illustrieren zugleich die tiefe Kluft zwischen der „arabischen Straße“, die nicht tatenlos zusehen will, und den Regierungen, die das Geschehen ratlos verfolgen. Kann Al Qaida mit einer Welle neuer Rekruten rechnen?

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          Die großen arabischen Nachrichtensender haben die Bilder in die letzten Winkel der arabischen Welt ausgestrahlt: In Nahaufnahmen zeigten sie getötete Palästinenser und in Weitwinkelperspektive die arabischen Massenproteste. Von den israelischen Angriffen auf den Gazastreifen sendeten Al Dschazira und Al Arabiya Aufnahmen, die in westlichen Medien nicht vorkamen. Was zu sehen war, löste Gefühle des „Zorns, des Hasses und der Rache“ aus, wie die panarabische Tageszeitung „Al Hayat“ kommentierte. Das „Massaker“ spülte, so der Kommentator, „eine außergewöhnliche Spannung in die Venen der arabischen Welt“.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Die Massendemonstrationen, in denen sich diese Wut entlud, illustrieren die Kluft zwischen der „arabischen Straße“, die dem israelischen Vorgehen nicht tatenlos zusehen will, und den Regierungen, die das Geschehen ratlos verfolgen. In der irakischen Stadt Samarra war auf einem Transparent zu lesen: „Hinter den Bomben steht das arabische Schweigen“. In Damaskus fragte ein syrischer Demonstrant auf seinem Plakat: „Wie lange noch wird das arabische Schweigen anhalten?“ Zum Sprecher der Demonstranten schwang sich der libysche Staatspräsident Gaddafi auf, der den arabischen Staatsführern „Feigheit, Schwäche und Defätismus“ vorwarf.

          Deutlich werden die Spannungen vor allem in Ägypten. In zahlreichen Städten kam es zu Protesten, die meist von den islamistischen Muslimbrüdern organisiert wurden, die der Hamas nahestehen. Ein regierungsnaher Abgeordneter hingegen behauptete im Parlament, Iran wolle mit Hilfe der Hamas und der ägyptischen Muslimbrüder Konflikte nicht nur in Palästina, sondern auch in Ägypten schüren. Ein Abgeordneter der Muslimbruderschaft hielt dem entgegen, Israels Entscheidung für die Angriffe auf den Gazastreifen sei nach Gesprächen zwischen den Außenministern Ägyptens und Israels in Kairo gefallen. Der ägyptische Außenminister Abu al Ghaith sagte dazu abwiegelnd, Ägypten habe die Hamas ja vor einem möglich israelischen Angriff auf Gaza gewarnt; diese aber habe die Warnungen in den Wind geschlagen.

          Proteste gibt es auch in der libanesischen Hauptstadt Beirut

          Ein Blick in die saudische Presse zeigt die Gratwanderung der Länder, die den Radikalismus der Hamas ablehnen. Die englischsprachige Zeitung „Arab News“ führt die Ursache für die „grauenhaften Fernsehbilder“ auf ein Denken zurück, das sich in einem Satz des russischen Zionisten und Gründers der Untergrundbewegung Irgun, Vladimir Jabotinsky, widerspiegele: „Für einen kindischen Humanismus hat die heutige Moral keinen Platz.“ Israel könne zwar die Führer der Hamas töten, nicht aber den Willen des palästinensischen Volkes zur Selbstbehauptung brechen.

          Scharf greift Tariq al Humaid, der Chefredakteur der einflussreichsten arabischen Tageszeitung „Al Sharq al Awsat“, die Hamas an. Die arabische Welt werde die Entscheidung über Krieg und Frieden nicht der Hamas und ihrem in Damaskus residierenden Exilführer Khaled Meschal abtreten. Wer mit der Hamas zu nachsichtig umgehe, mache sich am verlängerten Leiden der Palästinenser schuldig und verherrliche letztlich eine blutige Politik. Die Hamas unterlaufe die ägyptischen Bemühungen um Frieden und liefere dem israelischen Hardliner Netanjahu eine Steilvorlage für die Wahl Mitte Februar – denn dessen Wahl würde Aktionen der Hamas und Irans gegen Israel rechtfertigen. Der Saudi Humaid vermutet, Hamas und Iran hätten die israelische Aggression auch provoziert, um die Friedensverhandlungen zwischen Israel und Syrien zu verhindern.

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