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Muslimbrüder : Islamistische Konkurrenten

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Merkwürdige Ideen, die an die Taliban erinnern

Zwar lehnten die Muslimbrüder sein damaliges Plädoyer für einen säkularen Staat nach türkischem Vorbild ziemlich eindeutig ab; doch die enge, ja freundschaftliche Verbindung blieb natürlich erhalten. Dies hat nicht zuletzt auch damit zu tun, dass der türkische Ministerpräsident, der nun schon zehn Jahre regiert, in seinem Land erhebliche Erfolge vorweisen kann, insbesondere wirtschaftliche. Bei säkular gesinnten Ägyptern schlägt dies noch weitaus mehr zu Buche.

Die ägyptischen Salafisten hingegen haben eine gegenteilige Entwicklung genommen. Ihre Vorstellungen von Staat und Gesellschaft entsprechen zwar auch nicht genau den saudischen, sind aber stark an die des saudischen Wahhabismus angelehnt. Vor den Parlamentswahlen traten sie mit so merkwürdigen Ideen an die Öffentlichkeit, man müsse die Statuen aus der Zeit der Pharaonen „verhüllen“, getrennte Badestrände für Touristen und Ägypter einrichten, dazu eine strenge Segregation der Geschlechter, wie sie in Saudi-Arabien tatsächlich praktiziert wird, und Ähnliches. Manchen fielen angesichts solcher Reden sogar die Taliban ein, die in Afghanistan zwischen 1996 und 2001 einen Steinzeit-Islam eingeführt hatten.

Streit um Immobilien in Mekka und al Medina

Den saudischen Unterstützern der Salafisten sind die ägyptischen Muslimbrüder längst zu offen und zu „pluralistisch“ gesinnt. Die „Brüder“ mögen in den Augen säkularer Muslime Islamisten reinsten Wassers sein, die man ablehnt oder auch fürchtet, in den Augen der Wahhabiten sind sie jedoch bereits Ab- und Aufweichler. In Saudi-Arabien ist das Herrscherhaus der Al Saud mit den Al Scheich verbunden, das heißt jener Theologen-Kaste, die völlig in der Tradition des Gründers des Wahhabismus, Muhammad Ibn Abd al Wahhab aus dem 18. Jahrhundert, steht. Diese wahhabitischen Religionsgelehrten fürchten nichts so sehr wie eine „Aufweichung“, die auch noch islamisch begründet sein könnte.

Eine Rolle spielt wohl auch der traditionelle Gegensatz zwischen der Türkei und Saudi-Arabien, gerade zu einer Zeit, da die Türken wieder mehr Einfluss auf die nahöstliche und nordafrikanische Region haben, die sie einmal beherrschten. Schon der Gründer des Wahhabismus richtetet seine Bewegung in erster Linie gegen die Türken, damals die Osmanen, deren Islam er als „verderbt“ und „lax“ zu geißeln begann. In Saudi-Arabien bezieht man sich auf die strikte Rechtsschule des Ahmad Ibn Hanbal, während die Türken traditionell dem Abu Hanifa folgen, dessen Rechtsschule, die hanafitische, als „liberaler“ gilt. Immer wieder einmal streiten Saudi-Arabien und die Türkei auch um Immobilien an den heiligen Stätten in Mekka und al Medina, die noch aus der Zeit stammen, da die Osmanen über den heiligen Bezirk herrschten.

Saudi-Arabien versteht sich heute als die Vormacht des Sunnitentums, insbesondere in der Konfrontation mit den Schiiten in Iran. Doch in der Türkei ist ihm wieder ein wichtiger Konkurrent erwachsen, der mehr und mehr Einfluss auf Muslime nimmt, die Riad eigentlich immer als seine Klientel ansah.

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