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Murdochs Niedergang : Englands Chance

  • -Aktualisiert am

Murdoch hat seine Macht verloren - die britische Politik kann zumindest kurz Aufatmen Bild: dpa

Schmutziger Journalismus hat Tradition in England: Nun ist immerhin Rupert Murdochs zersetzende Macht gebrochen. Für das politische Leben ist das eine gute Neuigkeiten. Viel zu lange zitterte sie vor dem Medienzar.

          8 Min.

          Rupert Murdochs britisches Medienimperium befindet sich im Niedergang. Was das für Folgen haben wird, ist nicht absehbar. Ein paar der Konsequenzen lassen sich allerdings bereits erahnen. Einige sind erfreulich, andere nicht. Offen zutage liegen besonders die positiven Folgen. Murdoch hatte immense Macht in der britischen Öffentlichkeit, der Effekt dieser Macht war vor allem eines: zersetzend. Durch den Skandal hat er enorm an Einfluss verloren, wenn er denn überhaupt noch einen hat. Für das politische Leben des Landes sind das überaus gute Neuigkeiten. Viel zu lange zitterte die Politik vor dem Medienzar. Viele hoffen nun auch, dass das Niveau der gesellschaftlichen Debatten besser wird, jetzt, da die Glaubwürdigkeit der Boulevardpresse mit ihren schreienden Titelseiten erschüttert scheint. Der Skandal hat gezeigt, wie hemmungslos der britische Boulevard in die Privatsphäre der Menschen eindringt. Woher das kommt, was das bedeutet, wie verbreitet das ist und was dagegen zu tun ist - zu diesen Fragen wird noch viel zu sagen sein.

          Der Skandal um Murdochs Zeitungen hat aber nicht nur ihm selbst, sondern auch der Pressefreiheit Schaden zugefügt. Das ist die bedrückende Seite der Geschichte. Murdochs Journalisten haben aus der Freiheit der Presse einen Freibrief für die Presse gemacht, und dieser Missbrauch könnte schlimme Folgen haben. Wie weit dürfen Journalisten bei ihrer Recherche gehen? Die indiskutable Arbeitsweise der Journalisten von Murdochs "News of the World" wird Nachwirkungen haben. Die Frage ist nur: Welche? In Großbritannien bewegt sich das politische Denken seit Jahrzehnten im Mittelmaß. Das macht wenig Hoffnung auf eine intelligente Reaktion seitens der Politik.

          Unheilvoller Einfluss

          Rupert Murdochs Einfluss auf Presse und Politik, in England wie auch anderswo, war in beinahe jeder Hinsicht unheilvoll. Schmutziger Journalismus hat Tradition in England, Murdoch ist es aber gelungen, neue unterirdische Tiefen zu erreichen, durch eine ekelhafte Gerüchteköchelei, mit skandalösen Enthüllungen über das Privatleben von Berühmtheiten. Die Politiker erstarrten vor ihm wie das Kaninchen vor der Schlange, sie eilten zu ihm und baten ihn um Unterstützung, teils aus der Überzeugung, dass er massiven Einfluss auf den Ausgang von Wahlen nehmen konnte, teils aus der Furcht vor seinen Schlagzeilen, aus Furcht davor, von seinen Reportern auch mit Enthüllungen und Skandalen gejagt zu werden. Es war ja auch gleich, ob die Behauptungen seiner Blätter der Wahrheit entsprachen oder nicht. Die Politiker wussten, dass Murdoch ihren Karrieren irreparablen Schaden zufügen konnte. So gelang es ihm tatsächlich, durch kollektive wie gezielte Erpressung Teile der britischen Politik lahmzulegen - ein Zustand, für den es einen ebenso arroganten wie aggressiven Boulevardjournalismus brauchte.

          Viel zu lange zitterte die Politik vor dem Medienzar Murdoch

          Die "News of the World" und die "Sun" fuhren ihr Geld mit Schmutz und schlüpfrigem Klatsch ein. Auf die Leser dieser Zeitungen wirft das nicht das beste Licht. Viel schlimmer ist aber, wie die beiden Blätter die öffentliche Diskussionskultur korrumpiert haben. Murdochs Boulevardjournalismus reduzierte Fragen von echter politischer oder moralischer Relevanz auf platte Slogans - die in den Zeitungen ohnehin stets hinter Klatsch und Sport zurückstehen mussten.

          Seit Margaret Thatcher hat Murdoch jedem britischen Premierminister so die eigene Agenda nahelegen können. Die einzige Ausnahme war John Major. Alle übrigen überschlugen sich in Versuchen, sein Wohlgefallen zu finden: Tony Blair flog nach Australien, um Murdoch zu sehen, kurz vor jenem ersten Wahlerfolg, von dem die "Sun" dann behauptete, dass sie ihn überhaupt erst möglich gemacht habe. David Cameron lud Murdoch als einen seiner ersten Gäste in die Downing Street ein.

          Durch die Hintertüren

          Murdoch wollte nicht, dass Großbritannien den Euro übernimmt. Er wollte, dass der Westen Chinas Menschenrechtsverletzungen übersieht, weil er dort Geschäfte machen wollte. Er sprach sich gegen eine Regulierung des Medienmarktes aus, die ihn daran gehindert hätte, immer größere Anteile des Fernseh- und Zeitungsgeschäfts unter seine Kontrolle zu bringen. Im Zuge des jetzigen Skandals ist auch erschreckend deutlich geworden, wie gut Murdoch mit der Polizei und den Spitzen der Regierung vernetzt war. Frühere Spitzenleute seines Unternehmens wurden Berater des Premierministers und der Londoner Polizei. Er selbst fand durch die Hintertür regelmäßig Eingang in die Downing Street 10.

          Aus diesen Verbindungen zur Polizei resultiert wohl auch die Tatsache, dass die Abhörpraxis von Murdochs Zeitungen nie richtig untersucht wurde, trotz Vorwürfen und Bergen von Akten zu dem Thema. Wenn nicht bekanntgeworden wäre, dass die "News of The World" sich auch Zugang zum Telefon des ermordeten Mädchens Milly Dowler verschafft hatte, wäre die Geschichte in ihrem gesamten Umfang womöglich nie ans Licht gekommen.

          Die Aufdeckung des Ausspitzelns von Milly Dowlers Telefon aber war der Tropfen, der das Fass der öffentlichen Meinung zu den Praktiken der "News of the World" zum Überlaufen brachte. Nun wurde auch dem Letzten klar, was Gegner und Beobachter schon lange öffentlich beklagt hatten: dass Murdochs Redakteure im Kampf um höhere Verkaufszahlen längst zu illegalen, ja zu verbrecherischen Methoden übergegangen waren, dass sie Polizisten bestachen, dass sie die Telefone von Mord- und Terroropfern anzapften.

          Die Angst vor Hetzkampagnen

          Es ist daher auch keine Überraschung, dass Murdochs Niedergang fast überall gutgeheißen wird. Es besteht jetzt Hoffnung darauf, dass die britische Politik in Zukunft keine solche Angst mehr haben muss vor medialen Hetzkampagnen, dass sie sich also auch an ehrgeizigeren Projekten versuchen wird. Es gibt genug zu tun. Da sind die Strukturprobleme in der britischen Wirtschaft, man müsste beispielsweise das Pensionsalter anheben. In der Rechtspolitik müssten die Drogen- und Prostitutionsgesetze liberalisiert werden, weil sie in ihrer derzeitigen, veralteten Form eher zur Verschärfung jener Probleme beitragen, denen sie begegnen sollen. Das sind nur zwei Beispiele, die den morschen Gesamtzustand des Landes illustrieren. Für die verschiedenen Regierungen war es aber immer schwierig, daran etwas zu ändern, auch weil sie sich einer aggressiven und freiheitsfeindlichen Presse gegenübersahen. Natürlich ist es unverzichtbar, dass die Presse die Politik beobachtet. Allzu oft aber war es nicht Beobachtung, sondern Einschüchterung, die die Politik von der Presse erfuhr. Und ebenso oft richtete die Presse ihr Augenmerk auf Nebensächlichkeiten, statt sich auf die zentralen Anliegen zu konzentrieren.

          Neben aller Erleichterung und Hoffnung - Murdochs Schwächung bereitet doch auch Sorgen. Es geht nicht darum, dass er sich dazu entschließen könnte, sich ganz aus der britischen Presselandschaft zurückzuziehen, was für die "Times" und die "Sunday Times", die schwere Verluste einfahren, fatal wäre. Es wäre bitter für das Land, wenn die "Times" schließen müsste, sie spielt für das öffentliche Bewusstsein der Nation schon seit dem Ende des 18. Jahrhunderts eine zentrale Rolle. Murdoch wurde bisweilen gelobt dafür, dass er diese beiden Zeitungen am Leben gehalten hat, obwohl sie unprofitabel sind. Dabei wird allerdings übersehen, dass ihn dazu keineswegs Großmut bewegt. Die Verluste der Zeitungen gestatten ihm vielmehr, sehr viel Steuergeld zu sparen.

          Stärkere Kontrollorgane nötig

          Wirklich Sorgen machen muss einem aber vor allem die Frage, welche Folgen das eklatante Fehlverhalten von Murdochs Zeitungen für die Mediengesetzgebung, für die Pressefreiheit in Großbritannien zeitigen wird. Jeder weiß zwar, dass es in einer Demokratie nicht ohne eine freie Presse geht. Murdochs Journalisten haben es allerdings derart bunt getrieben, ihre Informationsbeschaffung war so weit jenseits von Gut und Böse, dass die schwächliche Selbstkontrolle, mit der die Presse in Großbritannien derzeit noch arbeiten darf, so kaum fortbestehen wird.

          Für Beschwerden ist die "Press Complaints Commission" (PCC) zuständig, eine Organisation, die von der Zeitungsindustrie selbst betrieben und finanziert wird. Sie steht wegen ihrer Unzulänglichkeit schon jetzt auf der Abschussliste. Prinzipiell ist der Gedanke, dass die Presse sich selbst kontrolliert, natürlich reizvoll, so bleibt sie dem Einfluss der Politik entzogen. Die PCC aber ist als Organ für diese Kontrolle nicht stark genug. Das belegt nicht zuletzt ihre totale Unsichtbarkeit während dieses Abhörskandals, der schließlich im Grunde schon seit zehn Jahren immer höher kocht. Wer oder was also sollte als regulatorische Instanz an ihre Stelle treten? Die Antwort auf diese Frage ist durch den Murdoch-Skandal so dringend wie nie geworden.

          Zumal die ganze Affäre auf Probleme hinweist, die sich bei weitem nicht auf die "News of the World" beschränken. Murdochs Zeitungen waren nicht die einzigen, die sich zur Informationsbeschaffung illegaler Methoden bedient haben. In einer von der Datenschutzbehörde ("Information Commissioner's Office") 2005 erstellten Studie kam vielmehr heraus, dass die "News of the World" bei der Anzahl der Verstöße gegen die Privatsphäre von Menschen lediglich an fünfter Stelle der britischen Zeitungen stand. Die "Sun" wurde in dieser tristen Rangliste gar nur 15., während den ersten Platz die "Daily Mail" belegte, eine Zeitung, die nicht zu Murdochs Imperium gehört. Als die Studie veröffentlicht wurde, interessierte sich kaum jemand für sie. Im Zuge der Murdoch-Affäre sind die Engländer jedoch sensibel geworden. Sie verlangen Aufklärung. Wo diese Aufklärung haltmachen wird, ist allerdings noch nicht klar.

          Konsequente Bestrafungen

          Die beste Lösung für eine wildgewordene Presse ist nicht, den Journalisten bei ihren Recherchen Ketten anzulegen, sondern sie konsequent zu bestrafen, wenn sie sich dabei nicht an die Regeln halten. Man könnte zum Beispiel festlegen, dass Richtigstellungen und Entschuldigungen in den Zeitungen an der gleichen Stelle und genauso groß gedruckt werden müssen wie die falschen Behauptungen, die ihr Anlass sind. Richtigstellungen können Tage, ja Wochen später auf irgendeiner Seite weit hinten im Blatt untergebracht werden. Das machen sogar Zeitungen so, die vorgeblich über jeden moralischen Verdacht erhaben sind wie der "Guardian".

          Wichtig wäre auch, dass geschädigte Personen oder Parteien gegen die Blätter vor Gericht ziehen können, ohne Angst davor haben zu müssen, über den Prozess ihr gesamtes Vermögen zu verlieren. Es sind die Prozesskosten, die vor allem Einzelpersonen immer wieder davon abhalten, gegen Verleumdung oder Verletzung ihrer Privatsphäre zu klagen. Überhaupt ist es in Großbritannien ein Problem, dass Verleumdungsklagen für beide Parteien derart kostspielig werden können, dass sie für viele schlicht nicht zu bezahlen sind. So aber wird Gerechtigkeit zur Vermögensfrage.

          Der Kern der Diskussion sollte sich jedoch um die Frage drehen, wie viel mediale Macht in der Hand eines Menschen oder eines Unternehmens ruhen darf, ob Kapitalverflechtungen zwischen Fernsehen und Zeitung wünschenswert sein können. Als Murdochs Macht noch ungebrochen war, stand diese ganze Debatte nicht auf der Tagesordnung, und zwar schlicht deswegen, weil er selbst sie nicht wollte. Dabei ist es völlig klar, dass es ein Zuviel an medialer Macht geben kann, vor allem dann, wenn Print und Fernsehen in einer Hand liegen. Zum Beleg muss man eigentlich nur "Italien" sagen - und dann "Berlusconi".

          Sucht nach Klatsch, Exklusivität und Sensation

          Durch den Skandal um die "News of the World" ist England einem weiteren, erheblichen Machtausbau Murdochs um Haaresbreite entronnen. Seine Firma stand kurz davor, das Fernsehunternehmen BSkyB, von dem sie schon 39 Prozent besaß, ganz zu übernehmen. Murdoch gehören mit "Sun", "News of the World", "Sunday Times" und "Times" 40 Prozent des Zeitungsmarkts. Wie sich die "Sun" und der Fernsehsender "Sky" gegenseitig bewarben, war für die Briten ohnehin schon ein Witz geworden. Jede weitere Macht über die Medien hätte Murdochs Einfluss auf Politiker, Politik und öffentliche Debatte noch größer werden lassen - und damit noch schädlicher.

          Öffentlich darüber nachzudenken, wie man eine freie Presse haben kann, ohne dass die deswegen verantwortungslos agieren darf - diese Gelegenheit hat das Land jetzt. Man sollte streng sein, kein Eigentümer sollte Macht über mehr als einen Bruchteil des Medienangebots haben. Kapitalverflechtungen zwischen Fernsehen und Presse werden in diesem digitalen Zeitalter, in dem die Zeitungen sich im Internet in Richtung bewegtes Bild begeben und die Sender in Richtung Print, kaum zu vermeiden sein. Deswegen kann die Begrenzung auch nur beim gesamten Marktanteil gesetzt werden. Eine solche Machtverteilung in den Medien könnte dazu führen, dass die gegenseitige Aufsicht strenger würde. Mehr Wettbewerb bedeutet mehr Kontrolle. Ganz lässt sich die Sorge, dass die Medien aus Sucht nach Klatsch, Exklusivität und Sensation wieder in die alten, illegalen und widerlichen Methoden zurückfallen, aber nicht abstellen.

          Murdoch hat alle Initiativen, die Machtkonzentration in den Medien zu beschränken, konsequent bombardiert. Er wollte selbst schlicht immer mehr Einfluss haben. Wenn die Politik will, dass der ganze Skandal, die ganze Beschädigung von Murdochs Imperium auch erfreuliche Folgen haben sollen, dann muss sie die Gelegenheit beim Schopfe packen. Dann muss sie das Niveau der öffentlichen Debatten retten und der Demokratie Vorschub leisten, indem sie dafür sorgt, dass nie wieder so viel mediale Schlagkraft in einer einzigen Hand ruht. Der Murdoch-Skandal hat gezeigt, dass es krasse Ungleichgewichte gibt. Dass die Freiheiten der Presse nicht nur Menschen Schaden zugefügt haben, sondern auch der Idee der Pressefreiheit selbst.

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