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Murdochs Niedergang : Englands Chance

  • -Aktualisiert am

Seit Margaret Thatcher hat Murdoch jedem britischen Premierminister so die eigene Agenda nahelegen können. Die einzige Ausnahme war John Major. Alle übrigen überschlugen sich in Versuchen, sein Wohlgefallen zu finden: Tony Blair flog nach Australien, um Murdoch zu sehen, kurz vor jenem ersten Wahlerfolg, von dem die "Sun" dann behauptete, dass sie ihn überhaupt erst möglich gemacht habe. David Cameron lud Murdoch als einen seiner ersten Gäste in die Downing Street ein.

Durch die Hintertüren

Murdoch wollte nicht, dass Großbritannien den Euro übernimmt. Er wollte, dass der Westen Chinas Menschenrechtsverletzungen übersieht, weil er dort Geschäfte machen wollte. Er sprach sich gegen eine Regulierung des Medienmarktes aus, die ihn daran gehindert hätte, immer größere Anteile des Fernseh- und Zeitungsgeschäfts unter seine Kontrolle zu bringen. Im Zuge des jetzigen Skandals ist auch erschreckend deutlich geworden, wie gut Murdoch mit der Polizei und den Spitzen der Regierung vernetzt war. Frühere Spitzenleute seines Unternehmens wurden Berater des Premierministers und der Londoner Polizei. Er selbst fand durch die Hintertür regelmäßig Eingang in die Downing Street 10.

Aus diesen Verbindungen zur Polizei resultiert wohl auch die Tatsache, dass die Abhörpraxis von Murdochs Zeitungen nie richtig untersucht wurde, trotz Vorwürfen und Bergen von Akten zu dem Thema. Wenn nicht bekanntgeworden wäre, dass die "News of The World" sich auch Zugang zum Telefon des ermordeten Mädchens Milly Dowler verschafft hatte, wäre die Geschichte in ihrem gesamten Umfang womöglich nie ans Licht gekommen.

Die Aufdeckung des Ausspitzelns von Milly Dowlers Telefon aber war der Tropfen, der das Fass der öffentlichen Meinung zu den Praktiken der "News of the World" zum Überlaufen brachte. Nun wurde auch dem Letzten klar, was Gegner und Beobachter schon lange öffentlich beklagt hatten: dass Murdochs Redakteure im Kampf um höhere Verkaufszahlen längst zu illegalen, ja zu verbrecherischen Methoden übergegangen waren, dass sie Polizisten bestachen, dass sie die Telefone von Mord- und Terroropfern anzapften.

Die Angst vor Hetzkampagnen

Es ist daher auch keine Überraschung, dass Murdochs Niedergang fast überall gutgeheißen wird. Es besteht jetzt Hoffnung darauf, dass die britische Politik in Zukunft keine solche Angst mehr haben muss vor medialen Hetzkampagnen, dass sie sich also auch an ehrgeizigeren Projekten versuchen wird. Es gibt genug zu tun. Da sind die Strukturprobleme in der britischen Wirtschaft, man müsste beispielsweise das Pensionsalter anheben. In der Rechtspolitik müssten die Drogen- und Prostitutionsgesetze liberalisiert werden, weil sie in ihrer derzeitigen, veralteten Form eher zur Verschärfung jener Probleme beitragen, denen sie begegnen sollen. Das sind nur zwei Beispiele, die den morschen Gesamtzustand des Landes illustrieren. Für die verschiedenen Regierungen war es aber immer schwierig, daran etwas zu ändern, auch weil sie sich einer aggressiven und freiheitsfeindlichen Presse gegenübersahen. Natürlich ist es unverzichtbar, dass die Presse die Politik beobachtet. Allzu oft aber war es nicht Beobachtung, sondern Einschüchterung, die die Politik von der Presse erfuhr. Und ebenso oft richtete die Presse ihr Augenmerk auf Nebensächlichkeiten, statt sich auf die zentralen Anliegen zu konzentrieren.

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