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Murdoch-Abhöraffäre : Ehemaliger „News of the World“-Reporter tot aufgefunden

Bild: reuters

Der britische Journalist, der als erstes zur Abhöraffäre um „News of the World“ aussagte, ist tot aufgefunden worden. Sean Hoare hatte den früheren Regierungssprecher Coulson belastet. Unterdessen traten Spitzen der Londoner Polizei zurück.

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          Der zunächst ungeklärte Tod eines Informanten, Rücktritte der ranghöchsten Londoner Polizisten und weitere Verhöre der Verantwortlichen des Murdoch-Zeitungskonzerns haben den britischen Abhörskandal dramatisch verschärft. Premierminister Cameron bricht eine Afrikareise ab und das britische Unterhaus verschiebt den Beginn seiner Sommerpause, um am Mittwoch über die jüngsten Entwicklungen des Skandals zu debattieren, der von dem zum Murdoch-Konzern gehörenden Sonntagsblatt „News of the World“ seinen Ausgang nahm.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Am Montagabend meldete die Polizei den Tod eines früheren Reporters der Murdoch-Blätter „News of the World“ und „Sun“. Sam Hoare war der erste Mitarbeiter eines zum Murdoch-Konzern gehörenden Blattes, der öffentlich behauptete, die Ausspähungs-Praktiken von Reportern von „News of the World“ seien auch dem damaligen Chefredakteur Andy Coulson bekannt gewesen: Coulson habe sie sogar ermutigt.

          Coulson hatte das Blatt als Chefredakteur 2007 verlassen, nachdem in einem ersten Verfahren wegen illegalen Abhörens ein Privatdetektiv und der Korrespondent der Zeitung für das Königshaus zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Coulson hatte stets beteuert, er habe von den Praktiken nichts gewusst. Anschließend wurde Coulson vom damaligen Oppositionsführer Cameron als Kommunikationsberater beschäftigt und behielt diese Funktion auch bei, als Cameron zum Premierminister berufen wurde. Erst im Januar dieses Jahres schied Coulson aus seinem Amt aus. Cameron verteidigte den Schritt bislang stets mit dem Satz, er habe Coulson „eine zweite Chance“ geben wollen.

          Andy Coulson

          Der jetzt verstorbene Hoare war von der „News of the World“ wegen Alkoholismus und Drogenproblemen entlassen worden. Er hatte seine Anschuldigungen gegen Coulson stets nur in Zeitungen erhoben, gegenüber der Polizei aber die Aussage verweigert. In der Öffentlichkeit erhob er erst vor wenigen Wochen neue Vorwürfe gegenüber Coulson. So habe dieser auch von der Praxis gewusst, mittels moderner Polizeitechnik, die bei den Murdoch-Blättern eingesetzt worden sei, die Besitzer von Mobil-Telefonen zu orten und aufzuspüren.

          Die Polizei bestätigte am Montagabend nach Angaben der Zeitung „Guardian“ lediglich, sie habe unter Hoares Wohnadresse einen Toten aufgefunden, dessen Tod als „ungeklärt, aber nicht verdächtig“ eingestuft werde.

          Rücktritte bei Scotland Yard

          Die Folgen der illegalen Abhöraktionen, die schon vor einem Jahrzehnt begannen, deren Ermittlungen aber von 2005 an von der Polizei zeitweise zu den Akten gelegt worden waren, haben jetzt auch die Polizei selbst erfasst. Der Chef von Scotland Yard, der Londoner Polizeipräsident Sir Paul Stephenson, reichte am späten Sonntagabend seinen Rücktritt ein; einer seiner Stellvertreter, John Yates, tat es ihm am Montag gleich. (Siehe auch: Abhöraffäre: Weiterer Rücktritt bei Scotland Yard)

          Stephenson und Yates hatten Neil Wallis, einen früheren stellvertretenden Chefredakteur der „News of the World“, vor zwei Jahren mit einem Teilzeitvertrag als PR-Berater in der Polizeiführung beschäftigt. Yates war damals auch mit einem Gutachten beauftragt, ob die Ermittlungen wegen Abhöraktionen der „News of the World“ wiederaufgenommen werden sollten. Yates fand, es lägen keine neuen Erkenntnisse vor, obwohl die Polizei schon damals über die Listen von knapp 4000 möglichen Opfern verfügte, deren Mobiltelefon-Nachrichtenspeicher von Detektiven im Auftrag des Blattes angezapft worden sein könnten.

          Stephenson teilte aus Anlass seines Rücktritts mit, er sehe seine Integrität unverletzt. Immerhin sei der einstige stellvertretende Chefredakteur Wallis zu keiner Zeit direkt mit dem Abhörskandal bei der „News of the World“ in Verbindung gebracht worden - anders als Wallis' damaliger Chef bei jenem Boulevardblatt, Coulson.

          Brooks: Werde zu Anhörung erscheinen

          Die Ermittlungen wegen der Lauschangriffe der „News of the World“ kamen erst wieder in Gang, nachdem zu Beginn dieses Jahres eine interne Untersuchung der Zeitung aus dem Jahr 2007 der Polizei zugänglich gemacht wurde. Diese Untersuchung, die offenbar Hinweise auf weitere Abhörfälle enthielt, bietet nun die Grundlage jener Ermittlungen, in deren Verlauf Coulson, seine Vorgängerin und spätere Vorgesetzte Rebekah Brooks, aber auch Neil Wallis von der Polizei vorgeladen, verhört und auf Kaution freigelassen wurden.

          Brooks, die bis zum vergangenen Freitag als Vorstandschefin von News International, Murdochs britischem Konzernzweig, amtierte, teilte inzwischen mit, sie werde trotz der polizeilichen Ermittlungen gegen sie an diesem Dienstag zu einer Anhörung vor dem Kulturausschuss des Unterhauses erscheinen. Außer ihr sind auch der Aufsichtsratschef von News International, James Murdoch, und sein Vater Rupert vor den Ausschuss bestellt worden. (Siehe auch: Abhörskandal: Rebekah Brooks vorübergehend festgenommen)

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