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Vorsicht im Türkei-Urlaub : Was deutsche Touristen nicht über Erdogan sagen sollten

  • -Aktualisiert am

Lieber schweigen und an türkischen Gestaden entspannen: Ausflugsboote an einem Anleger in der türkischen Stadt Antalya Bild: dpa

Nicht nur Satiriker wie Jan Böhmermann leben in der Türkei gefährlich. Journalisten, Oppositionspolitiker und normale Bürger können ebenso wegen angeblich abfälliger Äußerungen über den türkischen Staatschef verfolgt werden. Das gilt auch für Touristen.

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          Nach der deutschen Regierungserlaubnis für Ermittlungen gegen den Fernsehsatiriker Böhmermann wegen seines Schmähgedichts gegen den türkischen Präsidenten und der Festnahme der niederländischen Journalistin Ebru Umar wächst die Sorge vor weiteren Repressalien nach Kritik an Erdogan oder abfälligen Äußerungen. Wie offen dürfen sich etwa deutsche Urlauber in der Türkei über die politischen Verhältnisse in ihrem Ferienland oder deren Staatsoberhaupt äußern?

          Am Mittwoch hatte der holländische Außenminister Bert Koenders seine Landsleute zur Vorsicht gemahnt. Es gebe „keine Garantien“ für Niederländer, die sich gegenüber der Türkei oder Präsident Erdogan kritisch äußerten und dann in die Türkei reisten. 

          Die Journalistin türkischer Abstammung war wegen kritischer Äußerungen über Erdogan in der Türkei festgenommen und stundenlang verhört worden. Am Sonntag kam Umar wieder frei, sie darf das Land aber nicht verlassen.

          Anleitung zur Denunziation

          Ebru Umar hatte in einer Kolumne der Zeitung „Metro“ von einem Schreiben des türkischen Konsulats in Rotterdam berichtet, in dem Türken in den Niederlanden aufgerufen wurden, jede „Beleidigung“ Erdogans im Internet zu melden. Das Schreiben hatte für heftige Kritik gesorgt. Das Konsulat sprach anschließend von einem „Missverständnis“.

          Das Auswärtige Amt rät schon seit 2007 Urlaubern und Geschäftsreisenden dringend davon ab, in der Öffentlichkeit politische Äußerungen gegen den türkischen Staat zu machen. Bis heute hat sich die konsequente Strafverfolgung in der Türkei bei offener Kritik an staatlichen Organen oder führenden Politikern nicht verändert.

          Rechtsanwalt Holger Hopperdietzel befasst sich seit 1992 intensiv mit Reiserecht und kennt die Problematik. „Um mal Klartext zu reden, kann ich nur dazu raten, als Tourist in der Türkei die Klappe zu halten.“ Jegliche kritische Äußerungen über Staatsrepräsentanten oder den Präsidenten solle man sein lassen. „Die etwa 2.000 Verfahren gegen Erdogan-Kritiker sprechen für sich.“ Hopperdietzel habe sogar von türkischen Bürgern gehört, die eigene Familienmitglieder an die Schergen Erdogans verpfiffen hätten.

          „Auf der anderen Seite hängt die Türkei aber auch vom Tourismus ab und ist an einem attraktiven Tourismusangebot interessiert.“ Die Türkei baut seit 2014 am neuen Flughafen Istanbul, der 2020 fertiggestellt sein und rund 90 Millionen Passagiere pro Jahr abfertigen soll. Das sind 30 Millionen mehr als am Flughafen Frankfurt am Main, dem drittgrößten Flughafen Europas.

          „Trotzdem ist bei Äußerungen Vorsicht geboten, speziell wenn das auswärtige Amt darauf hinweist“, ist der Reiserechtler überzeugt. Das gelte ja auch für andere Staaten wie Thailand oder Singapur, wo man schon wegen geringen Drogendelikten mit einem langen Gefängnisaufenthalt – oder gar der Todesstrafe – rechnen muss.

          Falls man im Gefängnis landet, bleibe einem nur noch übrig, die Botschaft zu kontaktieren und am besten einen deutschen oder zumindest deutschsprachigen Anwalt. Auch der Reiseveranstalter könne einem teilweise zur Seite stehen. „Ob diese Maßnahmen jedoch zu einem verkürzten Gefängnisaufenthalt führen, ist fraglich.“ 2002 wurde in Singapur die 22 Jahre alte Julia Bohl aus Deutschland zu fünf Jahren Haft verurteilt. Eigentlich sollte sie wegen des Besitzes von mehr als 500 Gramm Cannabis gehängt werden, ihr Anwalt konnte jedoch nachweisen, dass es sich um weniger handelte.

          Wer auf einem öffentlichen Platz gegen den Präsidenten hetze, sei an seiner Bestrafung auch ein wenig selber Schuld sei, sagt Hopperdietzel. „Auch wenn man dabei sicherlich oft lobenswerte Ziele verfolgt, hat man letzten Endes keinerlei Aussicht auf Erfolg.“ Politische Kritik solle den Politikern überlassen werden. Oder sie müsse vom eigenen Volk kommen. Die Wende in der DDR sei schließlich auch von den eigenen Bürgern erzwungen worden und nicht von anderen Staaten.

          Zur Vorsicht am Urlaubsort mit Kritik an der Türkei und ihrer politischen Führung rät auch Sybille Zeuch, Sprecherin des Deutschen ReiseVerbandes, der die Interessen aller Unternehmen der Reisebranche in Deutschland vertritt.

          Man solle die Hinweise des Auswärtigen Amtes befolgen und sich die Reisehinweise vor Reiseantritt nochmals anschauen, falls sie aktualisiert wurden. Man dürfe als Urlauber nicht vergessen, dass man Gast in einem fremden Land sei und sich den dortigen Gepflogenheiten anpassen. „Das erwarten wir in Deutschland ja auch.“

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