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Muammar al Gaddafi : Massenstaat und Terrorismus

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Vierzig Jahre an der Macht: Gaddafi am Sonntag in Tripolis Bild: REUTERS

Vor vierzig Jahren putschte sich Muammar al Gaddafi an die Macht. Panarabismus, Islam und eine ganze eigene Spielart des Sozialismus wurden zu seinen Markenzeichen - ebenso wie Libyens Verflechtung mit dem Terrorismus.

          Am Morgen des 2. September 1969 sah Libyen, jenes riesige Wüstenland zwischen Tripolitanien, dem Fezzan und der Cyrenaika, von dem man seit den Schlachten um Bengazi und Tobruk nicht mehr allzu viel gehört hatte, ganz anders aus als noch am Vortag.

          Eine Gruppe junger Offiziere hatte die Macht ergriffen und gab das über Rundfunk der an Zahl geringen Bevölkerung und dem Rest der Welt bekannt. Westliche Beobachter - allen voran die britischen und die amerikanischen Zeitungen - fühlten sich an die Ereignisse des Jahres 1952 in Ägypten erinnert - nicht zu Unrecht, wie sich bald immer deutlicher zeigen sollte.

          Nicht nur unfreundliche Reaktionen

          Damals hatten sogenannte Freie Offiziere den auch für sein Wohlleben bekannten, prowestlichen König Faruk gestürzt und ins Exil getrieben - unter der Führung von Mohammed Naguib und Dschamal Abdal Nasir (Nasser). Nun war dasselbe in Libyen geschehen - unter der Führung eines 27 Jahre alten Freien Offiziers und seiner Kameraden, deren Idol ebenjener Nasser war: Muammar al Gaddafi, der Anführer der Putschisten, war ein glühender Anhänger des Ägypters. Ebenso seine Offiziersfreunde.

          So empfing Staatschef Gaddafi den verurteilten Lockerbie-Attentäter

          Die Reaktionen des Westens auf den Staatsstreich vom 1. September in Libyen waren nicht durchgängig unfreundlich. Seitdem 1959 in Libyen ergiebige Erdölvorräte entdeckt worden waren, deren Erschließung sich Briten und Amerikaner widmeten, hatte König Idriss I., den die Briten selbst inthronisiert hatten, wachsende Unabhängigkeitsbestrebungen erkennen lassen, ja, hier und da war die Befürchtung aufgekommen, Libyen werde sein Erdöl gar für die Sowjetunion bereitstellen.

          Niemand ahnte damals, dass man mit dem neuen Machthaber Gaddafi und seiner Entourage, die ihren König als reaktionären „Knecht des Westens“ einschätzten und abqualifizierten, über Jahrzehnte hinweg ungleich größere Schwierigkeiten haben würde als mit dem schon greisen Monarchen, der in die Türkei ins Exil ging und dort starb. Nur einen Herrscher hatte die einflussreiche Senussi-Bruderschaft im seit 1951 unabhängigen Libyen hervorgebracht, die während des Zweiten Weltkriegs an der Seite der Briten (zuvor aber auch auf schillernde Weise den Deutschen zugeneigt) gekämpft hatte und dafür belohnt worden war.

          Panarabismus, Islam und Sozialismus

          Der Offizier Gaddafi, 1942 in das halbnomadische Milieu des Gaddafa-Stammes in dem Ort Yuhannam bei Sirte hineingeboren, hatte schon seit seiner Jugend auf den Augenblick der Machtübernahme hingearbeitet. Bereits auf der Schule in Sebha hatten die Halbwüchsigen sich für Nasser und seine panarabischen Ideen begeistert. Sie kursierten damals zwischen Casablanca und Bagdad und brachten die arabischen Massen auf die Straße. Zu Gaddafis Kameraden gehörte damals auch schon ein gewisser Abdal Salam Dschallud, der zweiter Mann hinter dem Revolutionsführer werden sollte. Den künftigen Verschwörern war klar, dass nur eine Laufbahn in der Armee sie ihrem Ziel, der „Revolution“, näher bringen werde. Die militärische Karriere vervollständigte Gaddafi, wie so viele Potentaten des Orients, in Großbritannien.

          Nach seinem Sieg krempelte Gaddafi Libyen gründlich um. Panarabismus, Islam und jene spezielle Spielart des Sozialismus, die sich in Arabien herausgebildet hatte (ohne Materialismus und Klassenkampf), wurden die leitenden Ideen, wobei Gaddafi ganz eigene Wege ging. Zunächst ging es, wie in Ägypten, um die Beseitigung des fremden Einflusses mit einer Politik der Nationalisierung und Arabisierung. Bis 1979 amtierte er offiziell als Staatsoberhaupt, um sich dann, wie es hieß, zurückzuziehen. Dies freilich bedeutete nur, dass er um so strikter - mittels der sogenannten Volkskongresse - seinen Einfluss geltend macht; in der „Volksdschamahirija“, dem angeblich basisdemokratischen Staat der Volksmassen, wird dies alles nur gespielt. Aus den Botschaften des Landes wurden „Verbindungsbüros“. In Gaddafis Grünem Buch wurden die Prinzipien eines „dritten Weges“ niedergelegt, wie der libysche Staatschef ihn versteht. Mit Hilfe der Öleinnahmen hat Gaddafi den Libyern einige soziale Wohltaten beschert. Zuverlässig ergoss sich der libysche Ölstrom nach Europa. Deutschland ist ein guter Kunde. Den Islam lässt er nicht fundamentalistisch auslegen; dem widerspräche schon seine weibliche Garde, mit der er Aufsehen erregt.

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