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Moskauer Verhältnisse : Vor dem großen Abriss

Sollen verschwinden: Fünfstöckige Wohnhäuser im Moskauer Stadtbezirk Mnewniki Bild: Picture-Alliance

Etwa eine Million Moskauer soll in den nächsten Jahren umgesiedelt werden. Offiziell geht es um eine Verbesserung der Wohnverhältnisse, doch das Misstrauen der Betroffenen ist groß.

          Früher, soweit sind sich alle einig, war es friedlicher. Die Bewohner des vierstöckigen gelben Hauses in der Ostaschkowskaja-Straße 17 im Moskauer Nordosten begegneten einander im Treppenhaus, auf dem Spielplatz im Hof oder beim Spaziergang. Fragt man sie, wie es war in Nummer 17, sagen sie „ruhig“ oder „normal“. Aber jetzt, da jäh der Abriss des 1937 im trutzigen Stil der Stalin-Jahre erbauten Hauses droht, haben sich die Bewohner der 44 Wohnungen in zwei Lager gespalten: Befürworter des Abrisses hoffen auf eine bessere Zukunft an neuem Ort, unter den Gegnern, die ihr Eigentum bedroht sehen, wächst die Wut auf die Mächtigen. Wie ihnen geht es vielen Moskauern – sehr vielen. Denn mehr als eine Million Moskauer ist womöglich von einem Vorhaben betroffen, das von Bürgermeister Sergej Sobjanin mit Hochdruck vorangetrieben wird. Offiziell heißt es „Programm zur Renovierung des fünfstöckigen Wohnbestands der ersten Periode industriellen Hausbaus“ – tatsächlich sollen die betroffenen Häuser abgerissen werden. Jeder zwölfte Einwohner der Hauptstadt könnte in den kommenden Jahren umgesiedelt werden. Das gigantische Programm ist in diesem Frühjahr rasch zu Moskaus größter Streitfrage geworden; sie stiftet Unfrieden weit über die Hauptstadt hinaus.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Weil die Gegner des Abrissprogramms in den gelenkten Medien keine Stimme bekommen, organisieren sie sich über die sozialen Medien. Dort weisen sie zum Beispiel darauf hin, wenn die Bezirksverwaltung mit Zetteln an den Haustüren zu einer „Bewohnerversammlung“ lädt. Ein solcher Zettel hing dieser Tage auch an den Türen des Hauses in der Ostaschkowskaja-Straße. Es steht mit 4565 weiteren Altbauten auf der von Sobjanin Anfang Mai veröffentlichten Liste von Häusern, deren Bewohner von Montag bis zum 15. Juni über die Aufnahme ins „Renovierungsprogramm“, sprich den Abriss, abstimmen können. Die Gegner fürchten, hinter der Einladung zu einer abendlichen Versammlung auf dem Spielplatz im Hof stecke das Bestreben, ihre Zustimmung zum Abriss zu fingieren, weshalb sie auf Facebook um Unterstützung bitten. Wer hingeht, erlebt, wie Angst und Wut aus ihnen herausbrechen.

          „Wir wissen doch, wie es läuft!“, ruft Ljubow Kusina, eine 60 Jahre alte Rentnerin, die seit bald zwei Jahrzehnten im Haus wohnt, seit zehn Jahren als Witwe. „Sie zeigen begeistertes Volk und am Ende wird es heißen, alle sind dafür. Aber es gibt uns doch!“ Kusina, die einst in der Leitung eines Bergwerks in Luhansk in der Ostukraine arbeitete, hat ganz auf ein Leben in dem Stalin-Bau gesetzt. In ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung zeigt sie stolz die Einbauküche und eine Schrankwand aus dunklem Holz, die Ziergläsern und Porzellanfiguren reichlich Platz bietet. All das, berichtet Kusina, passe doch in keine andere Wohnung, und eine Entschädigung sei nicht vorgesehen.

          „Den ganzen Tag schütten sie uns im Fernsehen zu mit der Ukraine“

          Dabei ist das aus Kusinas Sicht noch das geringere Problem. Sie hat für ihre Tochter zwei Wohnungen am anderen Ende desselben Baus gekauft, die eine 2013, eine angrenzende vor einem Jahr, um sie zusammenzulegen. Mit der Renovierung begannen sie, kurz bevor Sobjanins Programm bekannt wurde – das war, als der Bürgermeister am 21. Februar eine Audienz bei Präsident Wladimir Putin hatte. Nun liegt hier alles auf Eis, obwohl die Möbel schon bestellt waren, weil unklar ist, ob sich die Investitionen noch lohnen. Kusina sagt, sei wisse nicht einmal, wie sie überhaupt an verlässliche Informationen kommen solle. Über das Fernsehen und die kremltreuen Zeitungen jedenfalls nicht. Die berichten über Demonstrationen „für den Abriss“; in sozialen Netzen im Internet werden entsprechende Gruppen aufgemacht, hinter denen keine echten Bewohner der betroffenen Häuser stehen, sondern Mitstreiter städtischer Strukturen oder der Machtpartei „Einiges Russland“. „Den ganzen Tag schütten sie uns im Fernsehen zu mit der Ukraine“, sagt Kusina. „Aber darüber, was hier bei uns passiert, sagt niemand etwas.“

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