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Moskau : Ein Tag im Ausnahmezustand

  • -Aktualisiert am

Protest gegen Wahlbetrug in Moskau Bild: dpa

Die Polizei hat sich korrekt verhalten und die Staatsmedien haben fair berichtet: Moskau hat die größte Kundgebung seit zwei Jahrzehnten erlebt. Während die Putin-Gegner demonstrieren, verhandelt die loyale Opposition über Posten.

          Mindestens fünfzigtausend Fäuste, vielleicht auch deutlich mehr, drohen zum Kreml hinüber. Ein gewaltiger Chor ruft durch den Moskauer Schneeregen: „Putin, du Dieb, du hast unsere Wählerstimmern gestohlen! Wir fordern ehrliche Wahlen! Freiheit! Putin, hau ab!“ Der Kreml liegt etwa einen Kilometer Luftlinie entfernt vom Bolotnaja-Platz an der Moskwa, außerhalb der Rufweite der Demonstranten. In den Kreml, den Sitz des russischen Präsidenten, will Wladimir Putin nach vier Jahren als Ministerpräsident im kommenden Frühjahr zurückkehren - womöglich für zwölf Jahre, die Dauer von zwei weiteren Amtszeiten. Seine Partei Einiges Russland wird von den Demonstranten nur „Partei der Betrüger und Diebe“ genannt.

          Nina, eine Rentnerin, die in der Menge auf dem Bolotnaja-Platz an der Moskwa wie alle anderen friert, sagt, in Russland werde sich erst etwas ändern, wenn das Land nicht mehr von der Lubjanka aus regiert werde. Dort hatte einst der NKWD, Stalins politische Folterpolizei, sein Hauptquartier, dann der KGB. Jetzt nutzt den großen Bau der Inlandsgeheimdienst FSB, auf den sich die Herrschaft Putins gründet, der zugleich selbst die Kontinuität der Dienste verkörpert. Als junger Mann war Putin KGB-Agent, wurde dann Ende der neunziger Jahre Direktor des FSB und brachte die Seinigen später als Präsident in die wichtigsten Stellungen im Staat. Nina, die Anfang der neunziger Jahre auf den großen Demonstrationen dabei war, ist sich nicht sicher, ob bei einem neuerlichen demokratischen Versuch nicht die gleichen Fehler wie nach dem Ende der Sowjetunion wiederholt würden. Aber wenigstens einen Versuch sei es doch wert, von vorn zu beginnen, sagt sie.

          „Unser Irrenhaus wählt Putin“ ist ein Hit

          Dann tritt auf der Bühne Rabfak auf, eine Rockband, die ein Lied eingespielt hat, das im Internet zum Hit geworden ist. Sie ist tatsächlich für viele zu hören, denn diesmal ist der Opposition der Einsatz leistungsfähiger Lautsprecher erlaubt worden. In den vergangenen Jahren mussten sich die Gegner des Kremls stets mit Megaphonen begnügen. Das Rabfak-Lied mit dem Titel „Unser Irrenhaus wählt Putin“ macht sich über den Kult um den „Führer der Nation“ lustig. Es war vor der Parlamentswahl als böse Satire auf russische Zustände erdacht, wurde aber durch die Realität bestätigt: In Moskau hatte Einiges Russland sein bestes Ergebnis mit etwas mehr als 90 Prozent in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt.

          Aleksandr Semenow, der Bandleader, heizt der Menge ein, während immer mehr Menschen an der Drohkulisse aus Polizei, der Sondereinheit Omon und Soldaten der Streitkräfte des Innenministeriums vorbei auf den Platz strömen. Sogar die breite Fußgängerbrücke, die vom Platz über die Moskwa führt, ist bereits voll mit Putin-Gegnern besetzt. Es geht das Gerücht um, es bestehe Einsturzgefahr. Auch am anderen Ufer des Flusses, der hier nicht sonderlich breit ist, drängen sich die Moskauer. An den Brückengeländern hängen Transparente: „Abgeordnete, wir haben euch nicht gewählt! Die Wahl ist gefälscht!“

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