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Kampf um die Hagia Sophia : Doch wieder eine Moschee?

Die Hagia Sophia – an der Spitze der historischen Halbinsel gelegen, umgeben von den Wassern des Marmarameers, des Bosporus und des Goldenen Horns. Bild: Reuters

Die Hagia Sophia ist ein Museum und der größte Touristenmagnet Istanbuls. Für viele Türken wiegt aber schwerer, dass sie einst die wichtigste Moschee des Osmanischen Reiches war. Jetzt will Erdogan eingreifen.

          4 Min.

          Der Kampf um die Hagia Sophia ist voll entbrannt. Denn der Chor derer, die aus dem bedeutendsten Museum Istanbuls wieder eine Moschee machen wollen, und zwar noch in diesem Sommer, wird lauter. Nach ihrem Willen soll die Hagia Sophia wieder das werden, was sie zwischen 1453, als Mehmed II. Konstantinopel erobert hatte, bis 1934, als Atatürk die Umwandlung in ein Museum angeordnet hat, war: eine Moschee.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Als Museum ist sie bislang seit Jahrzehnten ein sichtbares Symbol der neuen, säkularen Republik Türkei. Für viele Türken ist sie jedoch in erster Linie immer eine Kirche geblieben, die ruhmreiche Vorfahren erobert hatten – und die dann als Museum dem Säkularismus zum Opfer fiel. Hingegen ist die im Jahr 537 eingeweihte Hagia Sophia für die meisten Touristen ein Weltkulturerbe, einer der herausragenden Kirchenbauten und ein Zeugnis der großen Zivilisation des christlichen Byzanz; für die Christen ist sie zudem der historische Sitz des Ökumenischen Patriarchen, des Oberhaupts der orthodoxen Christenheit. Aufgelöst wurde dieser Widerspruch in der gegensätzlichen Wahrnehmung dieses großartigen Bauwerks von innen und von außen nie.

          Forderungen, die Hagia Sophia wieder dem islamischen Gebet zu öffnen, sind seit Jahrzehnten erhoben worden, in der Regel von islamistischen Randgruppen. Sie blieben meist unter der Wahrnehmungsschwelle und sorgten nicht für Aufsehen. Das hat sich in den vergangenen Wochen geändert. Denn Anfang Juni habe Präsident Tayyip Erdogan, so berichten türkische Medien, die Weisung erteilt, für die Hagia Sophia eine rechtliche Formel zu finden, die es erlaube, das Bauwerk wieder als islamische Gebetsstätte zu nutzen.

          Wieder für das islamische Gebet öffnen?

          Eine Gelegenheit bietet sich dazu, wenn das Oberste Verwaltungsgericht, der Danistay, voraussichtlich am 2. Juli über die Klage eines pensionierten Lehrers befindet, der seit vielen Jahren Atatürks Dekret vom 24. November 1934 zur Umwandlung der Hagia Sophia in ein Museum anficht. Wieder einmal soll die Justiz tun, was die Politik wünscht, womit sie sich selbst aber nicht die Finger verbrennen will. Erdogan selbst sagte dazu dem Staatssender TRT, der Fall liege nun ja „bei der unabhängigen Justiz“.

          Die Weichen sind also gestellt. Eingeleitet hat die letzte Runde bei dem Vorhaben, den Status der Hagia Sophia zu verändern, Fahrettin Altun, der als Kommunikationsdirektor Erdogans meist unmittelbar zur Linken des Präsidenten sitzt. Am 9. Mai setzte er ein Tweet ab, in dem es hieß: „Wir vermissen dich, nur noch etwas Geduld, wir schaffen es gemeinsam.“ Schnell war klar, dass Altun von der Hagia Sophia und dem Wunsch sprach, das prächtige Bauwerk mit der kühnen Konstruktion, die die Kuppel des weltlichen Pantheons mit dem Schiff eines Kirchenbaus vereint, wieder für das islamische Gebet zu öffnen. Die Diskussion war in Gang gekommen.

          Eine Schau stellte die Eroberung von Konstantinopel nach

          Die türkische Führung befeuerte am 29. Mai, an dem Tag, an dem die Türken Jahr für Jahr die Eroberung von Konstantinopel feiern, die Debatte mit einer großen Schau. Am Vormittag fuhren unzählige Schiffe und Boote von Norden her durch den Bosporus am grüßenden Erdogan vorbei bis hinab zur Serailspitze, auf der sich die Hagia Sophia befindet. Als an jenem 29. Mai 1453 die osmanischen Truppen nach jahrelanger Belagerung den byzantinischen Verteidigungsring endlich durchbrochen hatten, schritt Mehmed, der sich später mit dem Beinamen „der Eroberer“ schmücken durfte, als erster in die Hagia Sophia. Er verrichtete dort ein Dankgebet und erklärte den Sakralbau zur Hauptmoschee seiner neuen Hauptstadt.

          An diesem 567. Jahrestag der Eroberung waren nun die nachgestellten Schlachtszenen von damals auf einer Leinwand zu bestaunen, die vor der Hagia Sophia aufgebaut war. In der Hagia Sophia selbst richteten sich die Fernsehkameras auf eine weitere Leinwand. Auf ihr war Erdogan zugeschaltet. Unter der hohen Kuppel mit einer Scheitelhöhe von 55 Metern rezitierte erst ein Imam aus dem Koran, danach sprach Erdogan.

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