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Mordfall Khashoggi : Der Prinz mag keine halben Sachen

„Die Angelegenheiten mit einer Patrone regeln“: Der saudische Prinz bin Salman äußerte sich deutlich zu Khashoggi. Bild: dpa

Ein UN-Bericht zum Mord an Jamal Khashoggi zeigt, wie Riad die Ermittlungen behinderte. Zugleich gibt es neue Hinweise auf die Verwicklung des Kronprinzen.

          Der erste Bericht, den die UN-Sonderberichterstatterin Agnès Callamard im Fall Jamal Khashoggi vorgelegt hat, ist alles andere als schmeichelhaft für Saudi-Arabien. Zum einen erinnert er noch einmal an Details der Ermordung; er erwähnt die „schauerliche und grausame“ Tonaufnahme, welche die letzten Minuten des bekannten Kritikers des saudischen Regimes dokumentiert, dessen mit einer Knochensäge zerteilter Leichnam noch immer verschollen ist. Noch schwerer dürfte aber der Vorwurf wiegen, die Behörden des Königreiches hätten die Arbeit der türkischen Ermittler „erheblich eingeschränkt und untergraben“, wie Callamard urteilt, die im Juni dem UN-Menschenrechtsrat ihren endgültigen Bericht vorlegen will.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die Ergebnisse des vorläufigen Berichts, der am Donnerstag veröffentlicht wurde, basieren auf einem Besuch in der Türkei, wo die Sonderberichterstatterin unter anderen mit dem Außenminister, dem Justizminister, dem Geheimdienstchef und dem obersten Staatsanwalt von Istanbul zusammenkam. Was Callamard auf Basis dieser Angaben ausführt, klingt nach mehr als Behinderung von Ermittlungen. Es klingt nach Vertuschung. 13 Tage habe es gedauert, bis die türkischen Behörden nach dem Verschwinden Khashoggis Zugang zum Konsulat in Istanbul erhielten, wo der saudische Publizist am 2. Oktober getötet wurde. Erst zwei Tage später wurden Ermittler in die Residenz des Generalkonsuls gelassen. Ihr seien Beweise dafür vorgelegt worden, dass in dieser Zeit bis zu vier Versuche unternommen wurden, forensische Beweise zu vernichten.

          Callamard bezieht sich auf eine Zeit, in der die Führung in Riad noch behauptet hatte, Khashoggi habe das Konsulat lebendig verlassen. Später änderte sich die saudische Darstellung mehrmals – nicht zuletzt, weil die türkischen Behörden, offensichtlich in einer Kampagne, Ermittlungsergebnis für Ermittlungsergebnis und Beweis für Beweis an Medien weitergaben, um das Königreich unter Druck zu setzen. Derzeit lautet die saudische Version, ein Greiftrupp, der Khashoggi nach Saudi-Arabien zurückbringen sollte, sei außer Kontrolle geraten. Kronprinz Muhammad Bin Salman, auf dessen maßgebliche Verwicklung in die Affäre einiges hindeutet, soll von alldem nichts gewusst haben.

          Eindeutige Äußerungen des Kronprinzen

          Dieser Darstellung widerspricht Callamard nicht ausdrücklich. In ihrem Bericht heißt es, Khashoggi war „das Opfer einer brutalen und vorsätzlichen Tötung, die von Funktionären des Staates Saudi-Arabien und von anderen, die auf Weisung dieser staatlichen Agenten handelten, geplant und begangen wurde“. Sie habe nicht mit Sicherheit feststellen können, ob die ursprüngliche Absicht war, Khashoggi zu entführen, oder ob er nur ermordet werden sollte, falls das fehlschlägt.

          Eindeutiger sind Äußerungen des Kronprinzen, über die die „New York Times“ berichtet. Die Zeitung beruft sich auf Angaben aktueller und ehemaliger amerikanischer Regierungsmitarbeiter, die Zugang zu Geheimdienstberichten über abgefangene Gespräche und Textnachrichten des Kronprinzen hatten. Demnach sagte Muhammad Bin Salman im September 2017 zu einem seiner Getreuen, sollte Khashoggi nicht nach Saudi-Arabien zurückkehren oder zurückgeschafft werde können, werde er die Angelegenheit mit „einer Patrone“ regeln.

          Aus demselben Geheimdienstbericht wird eine Diskussion zwischen dem Kronprinzen und einem seiner wichtigsten und für seine Aggressivität berüchtigten Berater, Saud al Qahtani, zitiert. Der riet demnach dem über seinen Kritiker erbosten Prinzen davon ab, gegen Khashoggi vorzugehen. Das werde international einen Sturm der Entrüstung entfachen. Der Kronprinz soll zwei Dinge entgegnet haben. Saudi-Arabien solle sich nicht darum scheren, was das Ausland darüber denke, wie man seine eigenen Bürger handhabe. Und: Er möge keine halben Sachen – die habe er nie gemocht und habe nie daran geglaubt.

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