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Morde im Bibel-Zentrum : Bizarre Furcht vor Missionaren

Die türkische Stadt Malatya einen Tag nach dem Mord an fünf Christen Bild: AP

Die Morde an den Mitgliedern der christlichen Gemeinde seien nicht unerwartet gekommen. Denn gegen ausländische Missionare wird in der Türkei eine polemische Kampagne geführt. Die Konvertitenkirchen sind sogar „streng genommen illegal“.

          5 Min.

          Jeder der fünf Mörder kam mit einem Messer unter dem Jackett und einem Brief in der Tasche hinauf in die Verlagsräume im dritten Stockwerk. „Wir sind fünf Brüder und gehen in den Tod“, stand darauf. „Vielleicht kommen wir nicht zurück, wir tun es für das Vaterland“, versprachen sie.

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

          Nicht sie gingen in den Tod, sie brachten drei Menschen den Tod. Die fünf Jugendlichen aus Malatya, jeder 19 oder 20 Jahre alt, die sich zusammen auf die Aufnahmeprüfung zur Universität vorbereiteten, verhörten zunächst ihre drei Opfer und schnitten ihnen dann die Kehlen durch.

          Die Mörder als „reaktionäre Fanatiker“ gegeißelt

          Ihre Opfer waren Mitglieder der christlichen Gemeinde von Malatya. Sie hatten sich im Verbindungsbüro des Istanbuler Verlags Zirve getroffen, der überwiegend christliche Literatur vertreibt. Abgesehen hatten es die jugendlichen Mörder auf Necati Aydin, den 35 Jahre alten Geistlichen und Vorsteher der kleinen Konvertitengemeinde von Malatya.

          25 Türken gehören ihr an. Aydin selbst hatte den christlichen Glauben vor zehn Jahren angenommen. Vor drei Jahren war er nach Malatya gekommen, um die junge Gemeinde zu übernehmen. Den Lebensunterhalt für seine vierköpfige Familie verdiente er als Angestellter des Verlags. Auch der 32 Jahre alte Ugur Yüksel arbeitete in dem Verlag. Vor zwei Jahren war er aus dem benachbarten Elazig nach Malatya gezogen.

          Dort geißelte die schockierte Mutter die Mörder als „reaktionäre Fanatiker“. Sie durchschnitten auch dem Deutschen Tilman Geske die Kehle. 2003 war der 46 Jahre alte Deutsche von Adana, wo er schon als Missionar tätig war, mit seiner Frau und den drei Kindern nach Malatya gezogen. Er ließ seine Firma unter dem Namen Silk Road Consulting registrieren, übersetzte Bücher aus dem Deutschen und beriet in Erziehungsfragen. Bis zu jenem Nachmittag, an dem ihn die fünf Jugendlichen als Feind der türkischen Nation töteten.

          Das Blutbad als „missionarisches Wirken“

          Vier Täter konnten zunächst fliehen, wurden aber nach wenigen Stunden festgenommen. Der fünfte, der Bandenführer, wollte sich mit einem Sprung aus dem Fenster in Sicherheit bringen und wird seither schwer verletzt im Krankenhaus von Malatya behandelt. Er war im Januar wegen seiner Neigung zur Gewalt aus einem Wohnheim für Schüler und Studenten geflogen, in dem seine vier Komplizen weiter wohnten.

          Der Polizei gaben sie als Motiv für ihr Blutbad das „missionarische Wirken“ des Verlags und der kleinen Gemeinde an. Sie hätten die Christen zuvor gewarnt. Die hätten von ihrem Tun aber nicht gelassen. Nicht für sich selbst hätten sie die drei getötet, sondern für ihre Religion und, um den Feinden dieser Religion eine Lektion zu erteilen.

          Bibeln in der Öffentlichkeit verteilt

          Unerwartet kam dieser Mord nicht. Am 5. Dezember 2005 hatte eine Horde nationalistischer Jugendlicher in Malatya vor einem Frachtunternehmen demonstriert, das angeblich türkische Bibeln an den Verlag lieferte. Der änderte darauf aus Furcht seinen Namen von Kayra zu Zirve. In letzter Zeit hätten die Drohungen gegen seine Außenstelle in Malatya dennoch zugenommen, sagte der Istanbuler Verlagsleiter Hamza Özant.

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