https://www.faz.net/-gpf-9qhk4

Erschossener Tschetschene : Ein Auftragsmord aus Moskau?

Die Spurensicherung untersucht den Tatort in einem Park in Berlin-Moabit. Bild: dpa

In Berlin wird ein Tschetschene in einem Park erschossen – womöglich von einem mutmaßlichen Auftragskiller bestellt aus Tschetschenien oder gar direkt aus Moskau. Es war wohl nicht das erste Attentat auf das Opfer.

          3 Min.

          Der Täter war auf dem Fahrrad gekommen. Er schoss seinem Opfer, das zu Fuß unterwegs war, zweimal in den Kopf. Es sei wie eine Hinrichtung gewesen, sagen Augenzeugen. Was am Freitag um 11.58 Uhr in der Parkanlage Kleiner Tiergarten im Berliner Stadtteil Moabit als zunächst rätselhaft erscheinender Mord aussah, scheint sich als politischer Fall zu entpuppen. Die Ermittler gehen mittlerweile davon aus, dass es sich um einen Auftragsmord handelt. Er könnte aus Tschetschenien bestellt worden sein – oder auch direkt aus Moskau.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Der mutmaßliche Täter, ein 49 Jahre alter Tschetschene mit russischer Staatsbürgerschaft, sitzt in Untersuchungshaft. Gegen ihn wurde Haftbefehl erlassen. Das Opfer ist ebenfalls ein Tschetschene, der aus Georgien stammt: Selimchan Changoschwili, 40 Jahre alt. Er war Ende 2016 als Asylbewerber nach Deutschland gekommen, nachdem er mehrfach bedroht worden war und auch Mordanschläge überlebt hatte. Für die einen, die russische Seite, ist er ein Terrorist; für die anderen ein Kämpfer für die Unabhängigkeit Tschetscheniens und Feind Moskaus. Es scheint, als könnten die Motive für den Mord in die Zeit der Tschetschenienkriege zurückreichen.

          Der Tatverdächtige hat den Mordvorwurf bestritten, er verweigert jede weitere Aussage. Er soll nach der Tat sein Fahrrad, die Waffe mit Schalldämpfer und eine Perücke in die Spree geworfen haben – die Polizei konnte die Sachen schnell aus dem Fluss bergen. Zwei 17 Jahre alte Jugendliche hatten den Verdächtigen beobachtet, wie er die Dinge in den Fluss warf und die Polizei informiert – der Mann wurde festgenommen, noch bevor er ein weiteres Fluchtfahrzeug, einen abgestellten Motorroller, erreichen konnte. In der Wohnung des Mannes, der sich erst seit kurzem in Deutschland aufgehalten haben soll, wurde eine große Menge Bargeld gefunden.

          Auch in Deutschland habe er Drohungen erhalten

          Das Mordopfer stammt aus dem Pankisi-Tal in Georgien, in dem Tschetschenen, die sogenannten Kisten, leben. Seine Familie zog nach 1991 nach Tschetschenien, wohnte aber zwischenzeitlich wieder in Georgien. Im zweiten Tschetschenienkrieg seit dem Jahr 1999 kämpfte Changoschwili zunächst unter dem berüchtigten islamistischen Kommandanten Schamil Bassajew, später unter dessen Nachfolger, dem Araber Abu Walid. Er soll dort eine Gruppe von sechzig Kämpfern geführt haben. Russland betrachtet ihn deshalb als Terroristen. Nach dem Ende des zweiten Tschetschenienkrieges ging Changoschwili zunächst illegal nach Georgien zurück. Da er auf einer russischen Fahndungsliste stand, konnte er dort unter dem Familiennamen seiner Mutter einen Pass beantragen.

          Es heißt, dass es schon 2009 einen Giftanschlag auf ihn gegeben habe. Als Ende August 2012 17 Kämpfer im Lopota-Tal vier Geiseln nahmen und sich dann heftige Gefechte mit georgischen Sicherheitskräften lieferten, wurden 14 Personen getötet. Changoschwili spielte dabei eine Rolle – angeblich war er  als Vermittler im Auftrag des georgischen Innenministeriums dort tätig, der russischen Regierung galt er hingegen als Anstifter. Mit einer weiteren Aktion forderte er die Russen heraus: Im russisch-georgischen Krieg 2008 sammelte Changoschwili eine Gruppe von 200 Männern aus dem Pankisi-Tal, die gegen die russische Armee kämpfen wollten. Die Truppe kam allerdings nicht mehr zum Einsatz.

          Am 28. Mai 2015 wurde auf Changoschwili, der zunächst wieder im Pankisi-Tal, dann in der georgischen Hauptstadt Tbilissi lebte, ein Anschlag verübt. Ein unbekannter Täter schoss achtmal auf ihn, als er gerade sein Haus verlassen hatte. Mehrere Kugeln trafen seinen Arm. Nach seiner Genesung sei Changoschwili über die Türkei und Polen in die Ukraine geflohen, wo er sich fast ein Jahr lang aufgehalten habe, berichtet Ekkehard Maaß von der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft. Dort sei er ebenfalls massiv bedroht worden. Changoschwili floh weiter nach Deutschland. Auch hier habe er weiter Drohungen erhalten, sagte Maaß der F.A.Z.. Maaß hatte schon im Januar 2017 an das Bundesamt für Migration geschrieben und darum gebeten, Changoschwili „besonders zu schützen“ und ihn nicht dorthin zu schicken, „wo er für den langen Arm Putins erreichbar ist“.

          Im Herbst 2018 konnte der Asylbewerber von Brandenburg nach Berlin ziehen. Nach Angaben der Familie gegenüber der Berliner Zeitung „B.Z.“ hat Changoschwili „unter Schutzidentität“ in Berlin gelebt. Changoschwili hinterlässt drei Töchter und zwei Söhne im Alter zwischen zwei und 17 Jahren. Maaß verwies darauf, dass die russische Duma schon im Sommer 2006 dem Geheimdienst FSB das Recht gegeben habe, Terrorverdächtige im Ausland aufzuspüren und auch zu liquidieren. Kurze Zeit später wurde der Putin-Kritiker und Überläufer es russischen Nachrichtendienstes, Alexander Litwinenko, mutmaßlich von russischen Agenten in seinem Londoner Domizil vergiftet.

          Weitere Themen

          „Die Politik ist gegen uns“ Video-Seite öffnen

          „Bauerndemo“ in München : „Die Politik ist gegen uns“

          In München und Bonn gingen mehrere Tausend Beschäftigte aus der Landwirtschaft auf die Straße, um sich Gehör zu verschaffen. Tausende Landwirte appellierten mit Demonstrationen an Verbraucher und Politik, um positiver wahrgenommen und besser unterstützt zu werden.

          Topmeldungen

          Isabel Schnabel ist eine profilierte Kennerin der Finanzmärkte und der Geldpolitik.

          Isabel Schnabel rückt auf : Eine Bereicherung für die EZB

          Isabel Schnabel ist Expertin für Banken und Finanzmärkte. Dennoch wird ihre Berufung in die EZB-Führung als Nachfolgerin von Sabine Lautenschläger nicht jedem gefallen. Sie hat sich schon deutlich positioniert.

          Trump und die Demokraten : Loben, um zu tadeln

          Die Demokraten seien zwar eine „lausige“ Partei, aber immerhin hielten sie zusammen, sagt der amerikanische Präsident. Mit seiner Bemerkung zielt Trump auf die eigenen Republikaner.
          Allgemeinmediziner betreuen die „teuersten“ Patienten.

          Profitstreben in Kliniken : Das fatale Sterben „der Inneren“

          Hauptsache lukrativ: Immer mehr Kliniken schließen ihre Allgemein-internistischen Stationen zugunsten von Spezialisten. Leidtragende sind multimorbide Patienten – ausgerechnet deren Zahl aber wächst weiter. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.