https://www.faz.net/-gpf-9u2b7
Bildbeschreibung einblenden

Tiergarten-Mord : Der Killer, der aus Moskau kam

„Grundlose Annahmen“: Wladimir Putin mit dem serbischen Präsidenten am Mittwoch in Sotschi. Bild: Reuters

Die Indizien, dass Russland hinter dem Mord im Berliner Tiergarten steckt, haben sich schnell gemehrt. Nun hat Berlin reagiert. Und aus Russland kommen widersprüchliche Angaben.

          6 Min.

          Der Killer kommt auf dem Fahrrad. Er hat einen Rucksack auf dem Rücken und eine Basecap auf. Das Opfer erkennt die Gefahr, stößt ihn vom Rad und rennt weg. Doch der Killer schießt ihm sofort in den Rücken, folgt ihm und feuert vier Kugeln in den Kopf. Der Mord geschah im Juni 2013 in Moskau, eine Überwachungskamera hat ihn aufgezeichnet. Der Getötete war ein Geschäftsmann. Im April 2014 geben die russischen Behörden eine Fahndungsmitteilung zum mutmaßlichen Täter heraus. Sein Name: Wadim Krassikow. Im Juli 2015 wird sie gelöscht.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Mehr als vier Jahre später, im Sommer 2019, ist wieder ein Killer mit Rucksack auf dem Fahrrad unterwegs. Diesmal im Tiergarten in Berlin. Am 23. August tötet er sein Opfer mit zwei Schüssen in den Kopf. Der Tote ist ein Tschetschene, stammt aus Georgien: Selimchan Changoschwili, 40 Jahre alt, nannte sich auch Tornike Kavtaradze. Er war 2016 als Asylbewerber nach Deutschland gekommen.

          Der Verdächtige wirft Waffe, Rucksack und eine Perücke in die Spree, doch er kann festgenommen werden, bevor er ein weiteres Fluchtfahrzeug, einen Motorroller, erreicht. Es handelt sich um einen Russen, der sich „Wadim Sokolow“ nennt. Schon bald gibt es Hinweise, dass der russische Staat hinter dem Mord stehen könnte. Doch die Ermittler in Berlin brauchen dafür ausreichend Indizien.

          Anfangsverdacht von Staatsterrorismus

          Am Mittwoch hat die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe den Fall an sich gezogen. Es bestünden „zureichende tatsächliche Anhaltspunkte“ dafür, dass Changoschwili im Auftrag staatlicher russischer Stellen getötet worden sei, entweder seitens der Zentralregierung in Moskau oder der Tschetschenischen Republik, wo Moskaus Statthalter Ramsan Kadyrow mit eiserner Faust regiert. Es gebe nun einen Anfangsverdacht, teilt der Generalbundesanwalt mit, dass es um eine „staatsschutzspezifische Tat von besonderer Bedeutung“ gehe. Oder schlicht: um Staatsterrorismus.

          Denn die Ermittler sind mittlerweile überzeugt, dass „Wadim Sokolow“, der Mordverdächtige vom Tiergarten, in Wirklichkeit Wadim Krassikow ist. Ein Abgleich von Fotos des in Berlin einsitzenden Mannes mit den Lichtbildern aus den früheren Fahndungsdatenbanken kommt zu dem Ergebnis, dass „es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um ein und dieselbe Person handelt“. Ein Gutachten des Landeskriminalamts Berlin hat das ergeben. Ein „Wadim Sokolow“ taucht erstmals am 3. September 2015 auf – zwei Monate nach Löschung der Fahndungsmitteilung über „Wadim Krassikow“ wird ein Inlandsreisepass auf diesen Namen ausgestellt.

          Die russische Seite bestätigt zunächst gegenüber der deutschen die offensichtliche Tarnidentität, wie die F.A.Z. aus Sicherheitskreisen erfuhr. Und macht danach widersprüchliche Angaben. Dem Drängen der deutschen Seite, sich an der Aufklärung zu beteiligen, kommt sie nicht nach. Die Bundesregierung entscheidet deshalb, zwei russische Diplomaten auszuweisen. Sie reagiere damit darauf, „dass die russische Seite „trotz wiederholter hochrangiger und nachdrücklicher Aufforderungen nicht hinreichend bei der Aufklärung des Mordes“ mitgewirkt habe, teilt das Auswärtige Amt am Mittwoch mit.

          Nicht nur die große Übereinstimmung der Bilder von Krassikow und „Sokolow“ hat die Ermittler dazu gebracht, einen Anfangsverdacht wegen Staatsterrorimus zu bejahen. Schon der Pass, der auf Sokolow ausgestellt war, wies auf den militärischen Auslandsdienst GRU hin – die Registrierungsnummer ähnelte Nummern von Pässen anderer in kriminelle Fälle verwickelter Russen im Ausland, bei denen die GRU als Urheber verdächtigt wurde. Zu „Sokolow“ fiel den Ermittlern zudem eine ganze Reihe Ungereimtheiten auf: So flog er am 17. August mit einem Schengen-Visum, das die französische Botschaft ausgestellt hatte, nach Paris.

          Die Arbeitgeber-Bescheinigung wies das Unternehmen „ZAO Rust“ aus St. Petersburg als Firma aus, für die „Sokolow“ als Bauingenieur gearbeitet haben soll. Doch laut russischem Handelsregister ist die Firma „ZAO Rust“ in „Reorganisation“ und hatte 2018 nur einen einzigen Mitarbeiter und eine jährliche Einnahme von 80.000 Rubel, umgerechnet 1100 Euro. Allein die Arbeitgeber-Bescheinigung hatten aber der angebliche Generaldirektor und der Buchhalter unterschrieben. „Sokolow“ sollte demnach seit November 2017 monatlich jene 80.000 Rubel verdient haben, die laut Handelsregister die Jahreseinnahme waren. Zudem gehört eine Telefax-Nummer, die der Firma zugeordnet war, zu zwei Rüstungsfirmen, die dem russischen Verteidigungsministerium unterstehen.

          Moskau hätte genügend Motive

          Moskau hätte zudem ein Motiv für die Tötung Changoschwilis. Der georgische Staatsbürger kämpfte seit 1999 an der Seite von Islamisten für die Unabhängigkeit der russischen Teilrepublik Tschetschenien; sie grenzt direkt an Changoschwilis Heimat, das Pankisi-Tal im Norden Georgiens, in dem ethnische Tschetschenen leben. Er wurde deshalb von Russland als Terrorist eingestuft und verfolgt. Im russisch-georgischen Krieg 2008 soll er eine 200 Mann starke Kampfgruppe aufgebaut haben, welche die georgische Provinz Südossetien verteidigen sollte. Auf Changoschwili war schon einmal ein Attentat verübt worden: Im Mai 2015 wurden in der georgischen Hauptstadt Tbilissi vor seinem Haus acht Schüsse auf ihn abgefeuert, vier trafen, Changoschwili überlebte schwerverletzt. Als der frühere georgische Präsident Saakaschwili Gouverneur im ukrainischen Odessa wurde und Teile seiner Mannschaft dorthin mitnahm, ging auch Changoschwili in die Hafenstadt am Schwarzen Meer. Nachdem Saakaschwili in der Ukraine nicht mehr gelitten war, fühlte sich der Tschetschene dort nicht mehr sicher und beantragte in Deutschland Asyl.

          Wie reagiert die russische Regierung auf den Fall? Wie immer, wenn das Ausland Moskau für etwas verantwortlich macht: Man gibt sich beleidigt und sieht sich als Opfer. Das Außenministerium kündigte eine Antwort auf die Ausweisung zweier russischer Diplomaten an, die „unbegründet und unfreundlich“ sei – in Berlin erwartet man, dass im Gegenzug zwei deutsche Diplomaten Russland verlassen müssen. Ein „politisierter Ansatz“ bei Strafermittlungen sei „unzulässig“, sagte Dmitrij Peskow, der Sprecher von Präsident Wladimir Putin. Kurz vor den Mitteilungen des deutschen Generalbundesanwalts und des Auswärtigen Amts hatte Peskow Medienberichte über die Verwicklung russischer Machtstrukturen in den Mordfall als „grundlose Annahmen“ abgetan.

          Vieles erinnert an den Fall Skripal

          Es wäre nicht der erste Fall, in dem Russland Gegner im Ausland beseitigen lässt oder es versucht. So erinnert der Fall Changoschwili stark an den Vergiftungsfall Skripal, der vor eineinhalb Jahren im englischen Salisbury seinen Anfang nahm. Auch damals führten die Spuren der Hauptverdächtigen zu russischen Staatsstrukturen. In Betracht kommt eine Anwerbung des Mordverdächtigen Krassikow durch einen Geheimdienst, in diesem Fall der GRU. Es gilt als eine übliche Praxis des Geheimdienstes, Kriminelle einzusetzen. So sollte möglicherweise „Sokolow“ seine Schuld, einen Mord, durch einen Dienst für das Vaterland sühnen, einen anderen Mord.

          Die deutlichen Spuren weisen auf eine doppelte Botschaft wie im Skripal-Fall: Einerseits bestritt der Polit- und Medienapparat wortgewaltig jede Verantwortung und geißelte entsprechende Verdächtigungen als „Propaganda“, „Hysterie“, und „Russophobie“. Andererseits nutzte das Staatsfernsehen den Fall, um „Verrätern“ wie dem 2006 in Moskau verurteilten Doppelagenten Skripal zu drohen, getreu einem Putin-Wort von 2010: „Verräter enden immer schlecht“. Der bekannteste dieser „Verräter“ ist der Geheimdienst-Überläufer Alexander Litwinenko, der 2006 in London tödlich mit Polonium vergiftet wurde. Einer der beiden Mordverdächtigen sitzt seit 2007 in der Duma, dem russischen Unterhaus: Andrej Lugowoj verkörpert diese Doppelbotschaft persönlich, äußerte sich oft zum Fall Skripal und am Mittwoch wieder zum Fall Changoschwili („Phantasien“).

          Ein russisches Gesetz „zum Kampf gegen den Terrorismus“ erlaubt seit 2006 Geheimdienstoperationen im Ausland, um Terrorverdächtige dort zu liquidieren. Schon im Februar 2004 war der tschetschenische Separatistenführer Selimchan Jandarbijew in Qatar mit einer Autobombe ermordet worden; verdächtigt wurden drei russische Staatsbürger. Einer wurde als Diplomat freigelassen, die beiden anderen waren GRU-Agenten. Sie wurden im Juni 2004 zu lebenslanger Haft verurteilt, aber schon Anfang 2005 nach Russland überführt und dort wie Helden empfangen. Zu den Akteuren robuster Außenpolitik zählt längst auch der tschetschenische Machthaber Kadyrow: Der selbsternannte „Fußsoldat Putins“ wird mit Mordanschlägen auf Gegner in Wien, Dubai und Istanbul in Verbindung gebracht.

          Geheimdienstoperationen machen auch nicht vor Ländern halt, die Russland gegenüber neutral oder gar relativ wohlgesinnt sind. Das zeigten zuletzt Fälle aus der Schweiz, Österreich, Griechenland und Serbien, bei denen es jeweils freilich nicht um Mord ging. Mit Deutschland ergibt sich ein gemischtes, insgesamt aber nicht schlechtes Bild, weshalb ein Duma-Abgeordneter jetzt im Fall Changoschwili eine „Inszenierung außerhalb seiner Grenzen“ ins Spiel brachte.

          Moskau kämpfte an der Seite der Bundesregierung gegen deutsche Partner für die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2; deutsche Unternehmer in Russland melden trotz westlicher Sanktionen regelmäßig Erfolge, und auch auf dem Gebiet der Justiz kommt Berlin Moskau entgegen. Sogar, wenn es um Vorwürfe von Kadyrows Strafverfolgern geht, die ihren Gegnern im Ausland auch mit Mitteln der Justiz nachstellen.

          Am Dienstag verurteilte ein Militärgericht im südwestrussischen Rostow am Don einen 19 Jahre alten Tschetschenen, den Deutschland im August an Russland ausgeliefert hatte, wegen Terrorunterstützung zu zweieinhalb Jahren Lagerhaft. Der geduldete Flüchtling, der dem Regime Kadyrows entkommen wollte, soll von Deutschland aus 2017 im Alter von 17 Jahren über Online-Chats zwei weitere Minderjährige in Tschetschenien dazu verleitet haben, sich der Terrororganisation „Islamischer Staat“ anzuschließen. Der deutsche Generalbundesanwalt hatte die tschetschenischen Vorwürfe geprüft und keinen Anfangsverdacht gefunden, doch gegen Zusagen – Haft und Prozess außerhalb des Nordkaukasus, Wahrung gewisser Standards – lieferte Berlin den Mann aus.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Vor einem Bahnhof in Wuhan warten Reisende in einer Schlange, um die Stadt zu verlassen.

          Coronavirus in China : Wuhans Stunde Null

          Elf Wochen nach der Abriegelung ist das Epizentrum des Coronavirus-Ausbruchs in China nun wieder offen. Doch bis das normale Leben nach Wuhan zurückkehrt, ist es noch ein langer Weg.
          In der indischen Stadt Ahmedabad nimmt ein Arzt einen Abstrich von einem möglicherweise erkrankten Patienten.

          Indien : Die Apotheke der Welt öffnet ihre Tür

          Nach den Drohungen des amerikanischen Präsidenten exportiert Indien nun doch wichtige Corona-Medikamente an bedürftige Länder. Die Tür zur Apotheke der Welt ist aber nur einen Spalt breit geöffnet.
          Graffiti im belgischen Wetteren: Wer muss sich wie schützen, wenn der Shutdown vorbei ist?

          Sicherheit vs. Freiheit : Was kommt nach dem Shutdown?

          Welcher Weg führt aus dem strengen Corona-Regime zurück zur tätigen Gesellschaft? Darüber muss jetzt diskutiert werden, fordert der Jurist Hinnerk Wißmann in seinem Gastbeitrag – und soziale Differenzierung ist eine Antwort.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.