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Mord an Politikerin aus Rio : Warum musste Marielle Franco sterben?

Einen Monat nach ihrer Ermordung stehen Demonstranten am 14. April vor einer Wand, auf der ein Bild der Politikerin Marielle Franco projiziert wird. Bild: AP

Seit Olympia versinkt Rio in Chaos und Gewalt. Der Mord an einer Stadträtin ist einer von vielen und doch anders. Denn viel deutet darauf hin, dass Milizen eine Botschaft an Polizei und Politik senden wollten.

          Wer hat Marielle Franco umgebracht? Auch sieben Wochen nach der brutalen Tat, die ganz Brasilien erschüttert hat, gibt es keine Antwort auf diese Frage. Franco, eine linke, lesbische, schwarze Stadträtin aus der Favela, wurde am Abend des 14. März mit mindestens neun Kugeln in ihrem Auto ermordet. Es war eine gezielte und geplante Tat: Die Mörder zielten auf die Rückbank des Autos mit verdunkelten Scheiben, auf der Franco saß. Ihr Fahrer kam ebenfalls ums Leben, ihre Assistentin überlebte leicht verletzt.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Die Politikerin kam an jenem Abend von einer Diskussionsveranstaltung mit anderen schwarzen Frauen. Rassismus und Gewalt, unter denen besonders die Bewohner der Armenviertel von Rio leiden, waren ihre Lebensthemen. Immer wieder prangerte sie öffentlich die Brutalität von Polizei und Militär in den Favelas an.

          Zunächst schien es deshalb naheliegend, dass Polizisten oder Soldaten hinter dem Mord an der Stadträtin stecken. Fachleute halten das aber inzwischen für unwahrscheinlich. Als ebenso unwahrscheinlich gilt, dass eines der in Rio aktiven Drogenkartelle der Drahtzieher ist. Stattdessen wird vermutet, dass eine Miliz für den Tod der Achtunddreißigjährigen verantwortlich ist. Sicherheitsminister Raul Jungmann – dessen Posten wegen der zunehmenden Gewalt in Rio im Februar geschaffen wurde – hat inzwischen öffentlich erklärt, dass es viele Hinweise darauf gebe, dass Milizen in das Verbrechen involviert seien. Franco hatte in einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Rolle der Milizen gearbeitet. Und zwei Mitglieder von Milizen, die im Bericht dieses Ausschusses namentlich erwähnt werden, waren in der Woche vor dem Mord im Stadtparlament aufgetaucht.

          Privater Racheakt oder kalkulierte Machtdemonstration

          Milizen sind Gruppen aus ehemaligen und teils noch aktiven Polizisten, Feuerwehrmännern, Gefängniswärtern und Militärs, die als eine Art Nachbarschaftswache die Kontrolle über Favelas übernehmen. Ihre kriminellen Aktivitäten sind zahlreich: Sie zapfen die Strom- und Fernsehkabel des offiziellen Teils der Stadt für die illegalen Behausungen in der Favela an, treiben Schutzgelder ein, spekulieren mit Immobilien und übernehmen teils auch das Drogengeschäft von den Gangs, die sie vertreiben. Verstöße gegen Regeln und Gesetze – egal ob staatliche oder ihre eigenen – ahnden sie hart, aber unauffällig. Während Drogengangster Gegner oder Verräter teils auf dem höchsten Punkt der meist auf Hügeln gelegenen Favelas in Gummireifen stecken und anzünden, lassen Milizen viele Menschen einfach „verschwinden“. Bei ihrem lautlosen Regiment helfen ihnen gute Kontakte zu Politik und Polizei.

          Warum jetzt dieser so gar nicht unauffällige Mord? Dazu gibt es zwei Hypothesen. Möglicherweise wollte sich ein Milizionär rächen, weil sein Name im Bericht der Untersuchungskommission auftaucht, in der Franco Mitglied war. Oder der Mord an Marielle Franco war eine kalkulierte Machtdemonstration der Milizen, eine Botschaft an Polizei und Politik: ‚Wir sind mächtig, legt euch nicht mit uns an.‘ Laut dem kanadischen Sicherheitsfachmann Robert Muggah, Forschungsdirektor beim brasilianischen Thinktank Instituto Igarapé, ist diese Erklärung wahrscheinlicher als eine persönliche Racheaktion. Denn die Milizen sind in den vergangenen Jahren mächtiger geworden. Immer öfter gehen sie inzwischen selbst in die Politik, statt Entscheidungsträger nur zu beeinflussen – oder ermorden unbequeme Politiker.

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