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Mord an Hrant Dink : Provokation für die türkischen Nationalisten

Gedenken an Hrant Dink am Tatort des Mordes Bild: REUTERS

Nur wenige Schritte trennten ihn von den Treppenstufen, die in seine Redaktion führten. Da zog ein junger Mann eine Pistole und erschoss Hrant Dink. Der Journalist Dink war ein Verfechter einer toleranten Türkei, ein Patriot. Der ihn tötete, war ein Nationalist. Von Rainer Hermann aus Istanbul.

          5 Min.

          Seine letzten Zeilen klangen wie ein Testament. Ja, er sehe sich furchtsam wie eine Taube, schrieb Hrant Dink in der letzten Ausgabe seiner armenisch-türkischen Wochenzeitung „Agos“. „Aber ich weiß, dass in diesem Land die Menschen die Tauben nicht antasten.“ Mitten in der Stadt könnten Tauben daher leben, umgeben von Menschenmengen, aber in Freiheit. Hrant Dink liebte das dichte Leben in der Halaskergazi-Straße, an der seine Redaktion lag.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Nur noch wenige Schritte trennten ihn von den Treppenstufen, die in seine Redaktion hochführen. Da zog ein junger türkischer Nationalist eine Pistole und tötete ihn aus nächster Nähe. Mit zwei Schüssen in den Kopf und einem Schuss in den Hals. Tot lag die Taube nun auf dem Gehweg, ein weißes Tuch bedeckte ihren leblosen Körper und die Blutspuren, die der Mörder hinterlassen hatte. Auf die tragischste Weise hatte sich seine dunkle Ahnung bewahrheitet. 2007 werde für ihn wahrscheinlich ein schweres Jahr werden, hatte er geschrieben. Alte Verfahren würden weitergehen, neue beginnen. „Wer weiß, mit welchen Ungerechtigkeiten ich noch konfrontiert werde.“

          „Mein wahrer Wunsch ist, in der Türkei zu leben“

          Hrant Dink starb, weil fanatische Nationalisten nicht akzeptieren wollen, dass türkischer Staatsbürger sein kann, wer kein ethnischer Türke ist. Dabei hatte Dink nichts anderes getan, als das Vermächtnis Atatürks in Erinnerung zu rufen. Der hatte 1923 eine Republik nach dem Vorbild des Staatsverständnisses Frankreichs gegründet. Atatürk wollte die moderne Türkei als Willensnation gründen. Türke sollte nicht sein, wer türkisches Blut in sich trägt, sondern wer sich mit der Republik identifiziert. Das tat Dink. In seinem letzten Essay schrieb er: „Mein wahrer Wunsch ist, in der Türkei zu leben.“ Das schulde er auch jenen Tausenden von Freunden, die mit ihm für eine demokratische Türkei kämpften.

          Einnehmende Art: Dink erreichte Türken aller Schichten

          Er war ein Patriot. Der ihn tötete, war Nationalist. Wie der Anwalt Kemal Kerincsiz, der Dink mit ständig neuen Prozessen überzog. Immer auf der Grundlage des Paragraphen 301 des türkischen Strafgesetzbuchs, der die „Verunglimpfung des Türkentums“ unter Strafe stellt und dessen Streichung die EU seit langem fordert. Deswegen waren Dink und mit ihm viele andere Kämpfer für eine moderne, demokratische und europäische Türkei stets angeklagt, unter ihnen der diesjährige Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk. Angeklagt wie im Jahr 2002, als Dink in einer Diskussion sagte: „Ich bin kein Türke (“türk“), sondern türkischer Staatsbürger (“türkiyeli“) und Armenier.“ Der „Herabsetzung des Türkentums“ wurde er bezichtigt. Der Staatsanwalt wollte das Verfahren nicht eröffnen, da er diese Absicht nicht erkennen konnte.

          Die Türkei nur zu Fuß verlassen

          Die „Komödie“, wie sie Dink nannte, war aber nicht beendet. Auch deswegen, weil er inzwischen nachgewiesen hatte, dass Sabiha Gökcen, die Adoptivtochter Atatürks und erste Pilotin der Türkei, ein armenisches Waisenkind war, das seine Familie im Genozid von 1915 verloren hatte. Als „Feind der Türkei“ wurde er vor die Gerichte gezerrt. Auf deren Korridoren war er den verbalen und tätlichen Angriffen der Nationalisten ausgesetzt, die ihn und andere das Fürchten lehrten. Am Ende verurteilte ihn ein Richter „im Namen der türkischen Nation“ zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten.

          Das Oberste Berufungsgericht bestätigte im vergangenen Oktober das Urteil. Dink zog vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Er wisse nicht, wie viele Jahre dieses Verfahren dauere, schrieb er. Nur wisse er, dass er bis zum Abschluss des Verfahrens in der Türkei leben werde. Viele hatten ihn zu gehen gedrängt. Wenn er einmal die Türkei verlassen müsse, dann zu Fuß, wie jene deportierten Armenier von 1915, und nicht mit dem Herzen, schrieb Dink in jener letzten Ausgabe von „Agos“.

          „Dunkle Hände“ aus den Tiefen des Staates

          Ministerpräsident Erdogan sagte, hinter dem feigen Mord steckten „dunkle Hände“. Dink wurde in den vergangenen Monaten mit Morddrohungen überhäuft. Am Telefon, über E-Mail, per Brief. „Psychoterror“ nannte er das. Immer häufiger schaute er sich auf der Straße um, an manchen Tagen verließ er aus Furcht sein Haus nicht. Die türkische Polizei war aber nicht bereit, Dink Personenschutz zu gewähren.

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