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Mohammed-Schmähfilm : Pakistan distanziert sich von Mordaufruf

  • Aktualisiert am

In Bedrägnise: Der pakistanische Ministerpräsident Raja Pervaiz Ashraf Bild: dapd

Der pakistanische Ministerpräsident Ashraf hat sich von dem Mordaufruf seines Eisenbahnministers distanziert. Ghulam Ahmad Bilour hatte ein Kopfgeld in Höhe von 100.000 Dollar auf den Produzenten des Mohammed-Schmähfilms ausgesetzt.

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          Nach dem Mordaufruf eines pakistanischen Ministers gegen den amerikanischen Produzenten des islamfeindlichen Schmähfilms „Innocence of Muslims“ (Unschuld der Muslime) hat sich die Regierung in Islamabad von der Aufforderung zur Gewalt distanziert. Eisenbahnminister Ghulam Ahmad Bilour hatte am Samstag ein Kopfgeld in Höhe von 100.000 Dollar auf den umstrittenen Filmemacher ausgesetzt. Dies spiegele nicht die offizielle Haltung der Regierung wider, hieß es am Montag in einer Stellungnahme des Außenministeriums.

          Laut einem Bericht der britischen Rundfunkanstalt BBC hatte sich am Sonntag bereits Bilours Nationale Partei Awami (ANP) von den Äußerungen des Ministers distanziert. Ein Sprecher der gemäßigten Awami-National-Partei (ANP), der Bilour angehört, sagte: „Das ist eine persönliche Äußerung, die nicht der Parteilinie entspricht.“

          Wutmohammedaner: Pakistans Eisenbahnminister Bilour ruft auch Al Qaida zum Mord auf. Bilderstrecke

          Auch Ministerpräsident Raja Pervez Aschraf versicherte am Sonntag, seine Regierung habe mit dem Mordaufruf und dem Kopfgeld des Eisenbahnministers nichts zu tun. Eisenbahnminister Bilour hatte am Samstag das Kopfgeld demjenigen versprochen, „der diesen Gotteslästerer umbringt, der Unsinn über den heiligen Propheten erzählt hat“. Der Produzent des Films, im dem der Prophet Mohammed verunglimpft wird, soll ein in Kalifornien lebender koptischer Christ sein.

          Seit eineinhalb Wochen kommt es in vielen islamischen Ländern zu teils blutigen antiwestlichen Protesten wegen des Videos. In Pakistan waren am Freitag bei gewaltsamen Protesten mindestens 23 Personen getötet worden, nach Zeitungsberichten wurden weitere 200 Menschen verletzt.

          Bilour rief die radikalislamischen Taliban und das Terrornetz Al Qaida auf, ihn bei seinem Vorhaben zu unterstützen. Ihm sei klar, dass es eine Straftat sei, Menschen zum Mord aufzurufen. Es gebe aber keinen anderen Weg, „Gotteslästerern“ Furcht einzuflößen.

          Der Vorfall verschärft den seit Jahren schwelenden Streit zwischen den Vereinigten Staaten und Pakistan. Allerdings lehnte es der amerikanische Kongress am Samstag in Washington ab, die Finanzhilfe für Islamabad auszusetzen. Der Senat stimmte mit 81 zu zehn Stimmen gegen einen von dem Republikaner Rand Paul eingebrachten Gesetzentwurf, wonach die Zahlungen erst dann wieder aufgenommen werden sollten, wenn der Arzt Shakil Afridi aus dem Gefängnis entlassen wird. Afridi war von der pakistanischen Justiz zu 33 Jahren Haft verurteilt worden, weil er Informationen weitergegeben haben soll, die zur Kommandoaktion amerikanischer Spezialeinheiten zur Tötung Usama Bin Ladins führten.

          Derweil ist in Pakistan ein wegen angeblicher Gotteslästerung angeklagtes christliches Mädchen von der Staatsanwaltschaft entlastet worden. Bei der Untersuchung seien keine Beweise für die Anschuldigungen gegen die 14 Jahre alte Rimsha gefunden worden, sagte Ermittler Munir Jafferey am Sonntag in Islamabad. Ein islamischer Geistlicher hatte das geistig zurückgebliebene Mädchen angezeigt und ihm vorgeworfen, den Koran geschändet zu haben. Rimsha saß drei Wochen in Untersuchungshaft, bevor sie Anfang September auf Kaution freigelassen wurde. Zuvor war der Imam festgenommen worden, weil er dem Mädchen beschädigte Koranseiten in die Tasche geschmuggelt haben soll. „Es gibt stichhaltige Belege, dass der Imam die Beweise gefälscht hat, um das christliche Mädchen zu belasten“, sagte der Ermittler.

          Ashraf hatte den Freitag zum landesweiten Feiertag zu Ehren des Propheten erklärt. Sowohl in der Hauptstadt Islamabad als auch in Lahore, Karachi und Peshawar kam es am Rande von Massenaufmärschen zu gewalttätigen Ausschreitungen mit Angriffen auf westliche Botschaften und Konsulate. In Washington war der Aufruf zu einem nationalen Protesttag durch die Regierung in Islamabad mit Missfallen aufgenommen worden.

          Die oppositionellen Republikaner kritisierten die amerikanische Regierung, die für 70 000 Dollar Sendezeit in den wichtigsten pakistanischen Fernsehstationen gekauft hatte, um ein Video mit Aussagen von Präsident Barack Obama und Außenministerin Hillary Clinton auszustrahlen. In dem Video distanzieren sich Obama und Clinton abermals von dem Schmähfilm und versichern, die Regierung habe nichts damit zu tun und lehne dessen Inhalt ab.

          Friedrich: Gegen Radikale vorgehen

          Am Wochenende haben in mehreren deutschen Städten kleine und mittelgroße Demonstrationen gegen die Verunglimpfung des Propheten Mohammed durch Karikaturen und ein jüngst in Amerika hergestelltes Video stattgefunden. In Hannover zählte die Polizei am Sonntag etwa 1000 Teilnehmer, in Dortmund kamen tags zuvor etwa 1500 Demonstranten zusammen. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) sagte am Sonntag im Gespräch mit dem Deutschlandfunk, es gebe gegenwärtig keine Hinweise darauf, dass die Proteste gegen die Herabsetzung Mohammeds in Deutschland auch die Sicherheit gefährden könnten. Friedrich machte auch deutlich, dass das Grundrecht auf Meinungsfreiheit einem pauschalen Verbot des Filmes oder der Karikaturen entgegenstehe. Ob die Machwerke gegen den Blasphemie-Paragraphen des Strafrechtes verstießen, könne nicht von seinem Ministerium entschieden werden, dies müsse vielmehr von Gerichten aufgrund einer Klage geprüft werden.

          Friedrich sagte, mit Verbotsmaßnahmen könnten die Behörden nur dann einschreiten, wenn in konkreten Fällen die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährdet werde. Ein solches Vorgehen sei jedoch nur „im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten“ statthaft, „denn in einem Rechtsstaat, in einem freien Staat gibt es eben für alles Grenzen, aber auch Freiräume“. Der Bundesinnenminister rief die Gesellschaft in Deutschland, „Muslime, Christen“, dazu auf, mit aller Kraft gemeinsam gegen jedwede radikalen Kräfte vorzugehen. (Lt.)

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