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Mogadischu : Verwahrlost, geplündert, am Ende

  • -Aktualisiert am

„Das Schlimmste ist der Blick der Kinder. Du schaust in ihre Augen, und du siehst nichts.” Bild: ©Helmut Fricke

Es gibt weder Strom noch Wasser, keine saubere Wäsche, kaum Medikamente und nur zwei Ärzte: In Mogadischu wütet die Cholera unter den Hungernden. Die Ärzte im Banadaar-Krankenhaus kämpfen auf verlorenem Posten in einer verlorenen Stadt.

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          Amenu Bulla wirkt, als habe er die schreckliche Nachricht noch gar nicht verstanden. Freundlich beantwortet er alle Fragen. Ja, seine Frau sei schon länger krank gewesen, aber das sei normal unter den Umständen. „Sie müssen wissen, wir leiden Hunger“, sagt er. Und ja, sie haben den Gang in das Banadaar-Krankenhaus im Süden Mogadischus immer wieder aufgeschoben, weil sie ohnehin kein Geld für eine Behandlung hatten. Bis die drei Kinder wie ihre Mutter auch an starkem Durchfall erkrankt seien.

          Amenu Bulla ist ein faltiger Mann, vielleicht 50 Jahre alt, vielleicht auch erst 35. Das ist unmöglich zu schätzen, weil das Leben in Somalia den Menschen früh tiefe Falten ins Gesicht gräbt. Amenu ist ein Flüchtling. Einer, der seine Heimatstadt Maka verlassen hat, um nicht zu verhungern. Alles, was er je besessen habe, die Rinder, die Ziegen, das Stück Land, sei entweder verendet oder verödet, erzählt er.

          Neben Amenu hocken zwei der drei kleinen Kinder auf dem Krankenbett; spindeldürre Wesen, von denen eines eine Plastiktüte anstelle einer Windel trägt. Das dritte Kind, noch ein Säugling, winselt unter einem Moskitonetz. Alle drei leiden an Cholera. Hunderte von Fliegen schwirren durch den Raum, der Boden ist glitschig von Erbrochenem, Kot und Blut. Und hinter Amenu, auf dem zweiten Bett in diesem vor Dreck starrenden Krankenzimmer, liegt unter einem Tuch eine Leiche. Das ist Amenus Frau, Birti Noonge. 32 Jahre alt ist sie geworden. Vergangene Nacht ist sie an der Cholera gestorben.

          Das Krankenhaus Banadaar in Mogadischu wird von Ugandischen Soldaten der Amison bewacht

          Birti Noonge wird damit die zwölfte Tote sein, die an diesem Morgen aus der Cholera-Abteilung des Banadaar-Krankenhauses hinausgetragen und auf einem Stück Rasen neben dem Eingang niedergelegt wird. Wobei die „Cholera-Abteilung“ in dieser Ruine von einem Krankenhaus lediglich aus ein paar Zimmern besteht, in denen das Fensterglas fehlt, und die Behandlung überwiegend auf dem Boden des Flurs, auf schmutzigen Tischen, selbst auf Fensterbänken stattfindet. Bis zu hundert Neuankömmlinge verzeichnen die freundlichen, aber hilflosen Krankenpfleger jeden Tag. „Die Menschen hier sind so ungebildet, dass sie Krankheiten einfach nicht erkennen und immer erst dann hier auftauchen, wenn es ohnehin zu spät ist“, sagt einer von ihnen.

          Die radikalislamische Miliz terrorisiert die Bevölkerung

          Das Banadaar-Krankenhaus, mit seinen 600 Betten das einzige halbwegs funktionierende öffentliche Hospital in Mogadischu, verfügt über keine Leichenhalle. Es gibt weder Strom noch Wasser in der Klinik, keine saubere Wäsche, kaum Medikamente und nur zwei Ärzte. Das Hospital ist das Spiegelbild des allgemeinen Zustands von Mogadischu: verwahrlost, geplündert, am Ende. Trotzdem strömen immer mehr Menschen auf der Suche nach etwas Essbarem in die somalische Hauptstadt. Amenu Bulla und seine Familie beispielsweise stammen aus der besonders von der Hungersnot betroffenen Region Lower Shabelle im Süden Somalias.

          Dort terrorisiert die radikalislamische Miliz al Shabaab die Bevölkerung, nimmt ihnen das letzte Stück Vieh ab, das die Dürre überlebt hat. Al Shabaab bestreitet, dass es überhaupt eine Hungersnot gibt. Ausländischen Hilfsorganisationen verweigern die Bärtigen systematisch den Zugang zu den von ihnen kontrollierten Gebieten. Dort, wo sie Hilfe aus islamischen Ländern akzeptieren, nutzen sie die Lebensmittel als Druckmittel zur Zwangsrekrutierung. Eine Familie erhält nur dann ein Paket mit Maismehl, Speiseöl und Seife, wenn sie al Shabaab einen ihrer Jungen als neuen Kämpfer überantwortet. Das Alter spielt dabei keine Rolle. Hauptsache, er ist groß genug, ein Gewehr zu tragen. Oder einen Sprengstoffgürtel.

          100.000 Flüchtlinge sollen es sein, die in den vergangenen vier Wochen in panischer Flucht vor dem Hunger und den Fanatikern von al Shabaab ihre Heimatregionen verlassen und in Mogadischu ihre Plastikplanen aufgespannt haben. Es können aber genauso gut 200.000 sein. Verlässliche Zahlen sind schon deshalb nicht zu finden, weil es in Mogadischu keine Verwaltung gibt, keine Regierung, die diesen Namen verdient, und keine namhafte Hilfsorganisation. Al Shabaab bedroht deren Mitarbeiter mit dem Tod.

          Mogadischu ist mit Sicherheit der gefährlichste Ort der Welt

          Wie katastrophal die Lage in der Stadt inzwischen ist, zeigt eine Meldung vom vergangenen Freitag: Fünf Menschen kamen ums Leben, als Bewaffnete eine Essenausgabestelle im Zentrum der Stadt überfielen, um im wahrsten Sinne des Wortes die Kochtöpfe zu erbeuten. Zudem haben sich die 9000 Soldaten der Amisom, der Friedenstruppen der Afrikanischen Union für Somalia, seit Jahren schwere Kämpfe mit den Radikalen in der Stadt geliefert. Weil al Shabaab gegen die gut ausgerüsteten Soldaten aus Uganda und Burundi militärisch nicht viel ausrichten konnte, hatten sich ihre Kämpfer auf Selbstmordattentate und auf Autobomben verlegt. Nun hat sich al Shabaab aus der Stadt zurückgezogen. Dennoch ist Mogadischu mit Sicherheit der gefährlichste Ort der Welt, und der Wahnsinn ist so allgegenwärtig, dass die schwerbewaffneten Wachposten des Banadaar-Krankenhauses zu drastischen Mitteln greifen, um potentielle Diebe abzuhalten: Sie sperren jeden Übeltäter in einen Eisenkäfig, der gut sichtbar vor dem Gebäude plaziert ist.

          Fatimah Lool ist die einzige Ärztin, die sich um die vielen Kinder kümmert, die ihr jeden Tag gebracht, mitunter buchstäblich auf die Treppe gelegt werden. Und es werden in dem Maße mehr, wie neue Flüchtlinge in die Stadt strömen. Vor allem die Cholera sei es, die die Menschen umbringe, sagt Fatimah Lool, weil die Hungerflüchtlinge in ihren improvisierten Lagern, die mittlerweile überall in der Stadt wie Pilze aus dem Boden schießen, weder über Wasser noch Seife verfügen, geschweige denn sanitäre Einrichtungen. Dabei ist Cholera kein Todesurteil, sondern vielmehr eine relativ einfach zu behandelnde Krankheit. Vorausgesetzt, man hat die Mittel dazu. Das Weltgesundheitsprogramm der Vereinten Nationen (WHO) liefert ab und zu ein paar Medikamente an das Banadaar-Krankenhaus, mitunter auch das Kinderhilfswerk Unicef, aber es ist nie genug. „Die Patienten sterben mir unter der Hand weg. Ich bin machtlos“, sagt die erschöpft wirkende Ärztin, die sich nur im Laufschritt befragen lassen will. Plötzlich aber bleibt sie abrupt stehen. „Wollen Sie wissen, was das Schlimmste daran ist?“, fragt sie. „Das Schlimmste ist der Blick der Kinder. Du schaust in ihre Augen, und du siehst nichts.“

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