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Mogadischu : Verwahrlost, geplündert, am Ende

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Dort terrorisiert die radikalislamische Miliz al Shabaab die Bevölkerung, nimmt ihnen das letzte Stück Vieh ab, das die Dürre überlebt hat. Al Shabaab bestreitet, dass es überhaupt eine Hungersnot gibt. Ausländischen Hilfsorganisationen verweigern die Bärtigen systematisch den Zugang zu den von ihnen kontrollierten Gebieten. Dort, wo sie Hilfe aus islamischen Ländern akzeptieren, nutzen sie die Lebensmittel als Druckmittel zur Zwangsrekrutierung. Eine Familie erhält nur dann ein Paket mit Maismehl, Speiseöl und Seife, wenn sie al Shabaab einen ihrer Jungen als neuen Kämpfer überantwortet. Das Alter spielt dabei keine Rolle. Hauptsache, er ist groß genug, ein Gewehr zu tragen. Oder einen Sprengstoffgürtel.

100.000 Flüchtlinge sollen es sein, die in den vergangenen vier Wochen in panischer Flucht vor dem Hunger und den Fanatikern von al Shabaab ihre Heimatregionen verlassen und in Mogadischu ihre Plastikplanen aufgespannt haben. Es können aber genauso gut 200.000 sein. Verlässliche Zahlen sind schon deshalb nicht zu finden, weil es in Mogadischu keine Verwaltung gibt, keine Regierung, die diesen Namen verdient, und keine namhafte Hilfsorganisation. Al Shabaab bedroht deren Mitarbeiter mit dem Tod.

Mogadischu ist mit Sicherheit der gefährlichste Ort der Welt

Wie katastrophal die Lage in der Stadt inzwischen ist, zeigt eine Meldung vom vergangenen Freitag: Fünf Menschen kamen ums Leben, als Bewaffnete eine Essenausgabestelle im Zentrum der Stadt überfielen, um im wahrsten Sinne des Wortes die Kochtöpfe zu erbeuten. Zudem haben sich die 9000 Soldaten der Amisom, der Friedenstruppen der Afrikanischen Union für Somalia, seit Jahren schwere Kämpfe mit den Radikalen in der Stadt geliefert. Weil al Shabaab gegen die gut ausgerüsteten Soldaten aus Uganda und Burundi militärisch nicht viel ausrichten konnte, hatten sich ihre Kämpfer auf Selbstmordattentate und auf Autobomben verlegt. Nun hat sich al Shabaab aus der Stadt zurückgezogen. Dennoch ist Mogadischu mit Sicherheit der gefährlichste Ort der Welt, und der Wahnsinn ist so allgegenwärtig, dass die schwerbewaffneten Wachposten des Banadaar-Krankenhauses zu drastischen Mitteln greifen, um potentielle Diebe abzuhalten: Sie sperren jeden Übeltäter in einen Eisenkäfig, der gut sichtbar vor dem Gebäude plaziert ist.

Fatimah Lool ist die einzige Ärztin, die sich um die vielen Kinder kümmert, die ihr jeden Tag gebracht, mitunter buchstäblich auf die Treppe gelegt werden. Und es werden in dem Maße mehr, wie neue Flüchtlinge in die Stadt strömen. Vor allem die Cholera sei es, die die Menschen umbringe, sagt Fatimah Lool, weil die Hungerflüchtlinge in ihren improvisierten Lagern, die mittlerweile überall in der Stadt wie Pilze aus dem Boden schießen, weder über Wasser noch Seife verfügen, geschweige denn sanitäre Einrichtungen. Dabei ist Cholera kein Todesurteil, sondern vielmehr eine relativ einfach zu behandelnde Krankheit. Vorausgesetzt, man hat die Mittel dazu. Das Weltgesundheitsprogramm der Vereinten Nationen (WHO) liefert ab und zu ein paar Medikamente an das Banadaar-Krankenhaus, mitunter auch das Kinderhilfswerk Unicef, aber es ist nie genug. „Die Patienten sterben mir unter der Hand weg. Ich bin machtlos“, sagt die erschöpft wirkende Ärztin, die sich nur im Laufschritt befragen lassen will. Plötzlich aber bleibt sie abrupt stehen. „Wollen Sie wissen, was das Schlimmste daran ist?“, fragt sie. „Das Schlimmste ist der Blick der Kinder. Du schaust in ihre Augen, und du siehst nichts.“

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