https://www.faz.net/-gpf-yi1i

Modernes China : Welcher Konfuzius darf es sein?

Statue des Konfuzius auf dem Platz des Himmlischen Friedens Bild: Julia Zimmermann / F.A.Z.

Der Philosoph erfährt eine Renaissance in der Volksrepublik. Die Partei bedient sich bei ihm für ihr Konzept einer „harmonischen Gesellschaft“. Aber von Konfuzius stammt auch der Ratschlag, die Menschen sollten sich „biegen, nicht beugen“.

          4 Min.

          Mao würde aus seinem Kristallsarg kriechen, wenn er das wüsste. Nicht weit von seinem Mausoleum in Peking steht seit Januar eine 17 Tonnen schwere Bronzestatue. Sie zeigt den alten Philosophen Konfuzius, dessen Lehre Mao einst als „feudale Ideologie“ verteufelte. An der Ostseite des Platzes des Himmlischen Friedens thront er nun wieder, mitten im Herzen der chinesischen Hauptstadt. Touristen schauen an der Skulptur hoch. Ein Mädchen mit pinkfarbenen Turnschuhen und schwarzer Lederjacke posiert für ein Foto. Eine Passantin aus Peking sagt, die junge Generation in China habe die traditionellen chinesischen Werte verloren. Die jungen Leute wüssten nicht mehr, wie man sich gut benimmt, wie man die Eltern vernünftig behandelt und die Älteren respektiert. Das sollten sie von Konfuzius lernen.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Mao hatte während der „Kulturrevolution“ die Lektüre der konfuzianischen Klassiker noch streng verboten. Doch nach dem Scheitern des Kommunismus zieht die Tradition wieder die Menschen an. Studenten und Schüler entzünden im Tempel Räucherstäbchen und flehen vor Prüfungen um Hilfe. Privatschulen und Studienclubs verbreiten die Lehre des Philosophen. An einer Pekinger Uni wird das Fach „Guoxue“ („Landesstudien“) unterrichtet, das sich mit den konfuzianischen Klassikern beschäftigt. Die konfuzianischen Lebenshilfe-Bücher der Professorin Yu Dan sind Bestseller. China hat in der ganzen Welt 300 Konfuzius-Institute eröffnet, in denen Chinesisch gelernt wird. Auch Staatschef Hu Jintao bediente sich für sein Konzept der „harmonischen Gesellschaft“ bei Konfuzius.

          Füge dich deinem Schicksal und begehre nicht auf

          Ironischerweise steht „Meister Kong“ nun direkt vor dem renovierten Nationalmuseum, in dem von diesem Freitag an deutsche Museen „Kunst der Aufklärung“ präsentieren. Mit ihrer Entdeckung der geistigen Freiheit und des Individuums scheint die Aufklärung genau das Gegenteil von dem zu repräsentieren, was den Konfuzianismus ausmacht, so wie wir ihn uns im Westen vorstellen: als eine Morallehre, die die Beziehungen vom Individuum über die Familie bis hin zum Staat hierarchisch regelt. „Der Fürst sei Fürst, der Diener sei Diener; der Vater sei Vater, der Sohn sei Sohn“, sagte Konfuzius den „Gesprächen“ („Lunyu“) zufolge, die auf Aufzeichnungen seiner Schüler beruhen. Der konfuzianische Mensch, wie er sich auch in den Werken der Professorin Yu Dan wiederfindet, fügt sich seinem Schicksal und begehrt nicht auf. Die Kommunistische Partei nutzt diese Interpretation zur Legitimation ihrer autoritären Herrschaft.

          Das Zentrum des Konfuzius-Kults ist Qufu, der Geburtsort des Philosophen in der im Nordosten gelegenen Provinz Shandong. Auf dem Familienfriedhof liegen dort 100.000 seiner Nachfahren und auch der Meister selbst begraben. Zwischen den Grabstelen hüpfen chinesische Blauelstern über den Boden. Tierfiguren aus Stein zeigen an, dass hier ein berühmter Nachfahre begraben liegt. Knorrige Wacholderbäume, verknotete Kiefern und krumme Zypressen ragen aus der Erde. Eine Gruppe junger Männer hat sich vor dem Grab des Meisters versammelt. Einer schließt die Augen und verneigt sich. Es sind Musikstudenten aus einer Nachbarstadt. „Konfuzius hilft uns bei unseren Studien“, sagt Liu Peiteng. Der Student lobt die Einfachheit der Grabstätte; der Meister habe es so gewollt.

          Die Touristen sind entzückt

          Konfuzius wurde der Überlieferung zufolge im Jahr 551 vor Christus geboren. Zu seinen Lebzeiten war China in viele Einzelstaaten aufgeteilt. Der Philosoph zog von einem Fürstentum zum anderen, um seine Dienste den jeweiligen Höfen anzubieten. Als er jedoch keinen Fürsten überzeugen konnte, seine Ideen umzusetzen, widmete er sich der Lektüre der klassischen Schriften und seinen Schülern. Der Konfuzianismus, der später 2000 Jahre lang als Staatsphilosophie China prägte, beruht aber nicht allein auf den Äußerungen von Konfuzius und seinem wichtigsten Nachfolger Menzius. In ihm vermischen sich auch andere Einflüsse, zum Beispiel aus der strengen Lehre der Legalisten.

          Weitere Themen

          Neun Tote durch Corona-Virus in China

          Lungenkrankheit : Neun Tote durch Corona-Virus in China

          Die Zahl der Infizierten und der Todesopfer in China steigt. Auch in den Vereinigten Staaten wurde nun der erste Fall des Corona-Virus festgestellt. Der Mann soll aus China eingereist sein.

          Die Welt steht in Flammen Video-Seite öffnen

          Greta Thunberg : Die Welt steht in Flammen

          Die junge Klimaschützerin aus Schweden sagt beim Weltwirtschaftsforum in Davos, es gehe nicht um Parteipolitik. Weder die Rechte noch die Linke noch die Mitte hätten Lösungen für die Klimakrise.

          Topmeldungen

          Impeachment-Verfahren im Senat : Scheitern mit Ansage

          Gut zwölf Stunden dauerte der erste Tag des Prozesses gegen Donald Trump im Senat. Dabei ging es nur um die Verfahrensregeln. Die Demokraten stellten lauter Änderungsanträge. Die Republikaner schmetterten alles ab.
          Löst das Welthunger-Problem auch nicht: Ein als Ronald McDonald verkleideter Demonstrant fordert an Eröffnungstag des Weltwirtschaftsforums in Davos, „Eat the Rich“.

          Alles Öko? : Tage der Moralisten

          „Öko“ regiert Davos und die Grüne Woche: Alle ächzen unter der moralischen Last der Bewegung, nicht einmal die Biobauern atmen auf. Denn wer die Welt ernähren will, hat es schwer, die höchsten ethischen Standards zu erfüllen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.