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Moderne Kriegsführung : Am Boden, in der Luft und im Cyberspace

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Russische Hackerbande?

Das georgische Außenministerium und andere Ministerien wichen derweil für ihre Verlautbarungen auf eine private Blog-Seite des internationalen Anbieters Google aus. Ob georgische Websites nicht nur blockiert, sondern auch verfälscht wurden, worauf das hitlerähnliche Bild Saakaschwilis auf der Seite des Außenministeriums hindeutete, ist nicht gesichert. „Zone-H“, das größte Beobachtungsnetz für unerlaubte Veränderung von Websites von außen, stieß bisher nicht auf Indizien außergewöhnlicher Aktivitäten in Georgien oder Russland.

Grenzen zwischen staatlicher und privater Einflussnahme fließen, und meist werden anonyme IP-(Internetprotokoll-) Adressen genutzt. Einige Fachleute, die Angriffe der vergangenen Tage analysierten, führen sie auf eine kriminelle russische Hackerbande zurück. Bloggergruppen, die den georgischen Websites bis zu den Stellen nachspürten, an denen sie blockiert wurden, endeten immer wieder bei drei Servern, die alle unter der Kontrolle des Russian Business Networks stehen sollen. Zwei davon stehen in Russland und einer (TTnet Turkey) in der Türkei. Angeblich stand RBN auch hinter den Angriffen in Estland vor fünfzehn Monaten, wiewohl deshalb bisher nur ein russischsprachiger Este angeklagt und verurteilt wurde.

Dem in Sankt Petersburg ansässigen RBN schreiben, heißt es auf der schweizerischen Nachrichten-Website von „20-Minuten“, viele Internetkenner den Versand von Kinderpornographie, Viren und Phishing (dem Ausspähen von Zugangsdaten aller Art, etwa solchen für das Online-Banking) zu. Er gilt als „Schlimmster der Schlimmen“ im Internet. Die schweizerische Melde- und Analysestelle Informationssicherung beobachtet RBN seit langem, zumal Gruppen in dessen Dunstkreis mehrfach schweizerische Banken angriffen. Nachdem einiges aufgedeckt wurde, zersplitterte sich RBN auf Tochterfirmen in Panama, den Seychellen und China. Fast die Hälfte von deren mehr als 400 Servern mit mehr als 2000 Internet-Domänen diene, heißt es, der Verbreitung von Kinderpornographie. Wer hinter RBN steht, ist trotz Bemühungen westlicher Kriminalitätsbekämpfer nicht bekannt. Die Befehlszentrale soll sich hinter legalen Internetanbietern verstecken. Gerüchte sprechen von einem Koordinator mit dem Decknamen „Flyman“, der laut „20-Minuten“ „mit höchsten russischen Politikern verbandelt“ sei.

Bush kündigte „Cyber-Initiative“ an

Wer sich mit RBN anlegt, muss bereit sein, Risiken einzugehen. Das erfuhr unlängst der Zürcher Informatiker und Spam-Jäger Roman Hüssy. Er warnte auf seiner, Sicherheitslücken im Internet gewidmeten, Website vor einem Trojaner, der russischen Internet-Kriminellen Zugang zu Bankkonten verschafft. Durch den Warnhinweis misslang das Ausspähen. Die Verbrecher rächten sich und versandten E-Mails an 100.000 Schweizer, in denen Hüssy seinen angeblichen Selbstmord ankündigte.

Der digitalen Sicherheit wenden Innenpolitiker und Militärs seit vielen Jahren Aufmerksamkeit zu. In Deutschland ist dafür seit 1991 das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik in Bonn mit 450 Mitarbeitern und einem Haushalt von 65 Millionen Euro zuständig sowie eine interministerielle Arbeitsgruppe, in der Bundeswehr eine Wehrtechnische Dienststelle im bayerischen Greding, die sich auch mit elektronischer Kriegsführung befasst. In Amerika kündigte Präsident Bush unlängst an, er wolle eine „Cyber-Initiative“ mit Milliardenbeträgen fördern. Der demokratische Präsidentschaftskandidat Obama warf ihm gerade vor, er habe die Internetsicherheit schleifen lassen, welcher er, Obama, die Zuwendung geben werde, die sie verdiene.

Seinen Aufruf an die russische Regierung zum Waffenstillstand verband Obama mit der Aufforderung, die Cyberattacken gegen Georgien einzustellen. Damit übernahm er die Anschuldigung des georgischen Außenministeriums vom Montagnachmittag, hinter den Internetangriffen stecke Russland.

Zur Leserdebatte: Krieg im Kaukasus (Diskussion abgeschlossen)

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