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Moderate Taliban : Aussöhnen oder spalten und bekämpfen?

Dialog der Waffen? Ehemaliger Taliban-Kämpfer (Mitte) und afghanischer Polizist in Herat Bild:

Während sich die Afghanen zunehmend für Aussöhnung und Dialog mit den Taliban aussprechen, scheint der amerikanische Präsident Obama vor allem lokale Anführer aus der Bewegung herauslösen zu wollen - um sie zu spalten.

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          Said Scharif Yusofi hat eine ganze Sammlung mit Fotos von „gemäßigten Taliban“. Die zwölf besten Bilder will er nun als Kalender drucken lassen, um sie an Büros im ganzen Land zu verteilen.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Das afghanische Neujahr steht bevor, und Kalender sind bei Organisationen in Kabul ein beliebtes Marketinginstrument. So auch bei der Kommission für Frieden und Versöhnung. Seit ihrer Gründung vor vier Jahren habe die Organisation mehr als 8000 ehemalige Taliban und Mitglieder der militanten Hizb-e Islami aus Pakistan zurück ins Land geholt, sagt Kommissionssprecher Yusofi. „Sie waren des Kämpfens überdrüssig.“

          Mit Aufständischen im Gespräch

          Sie hätten ihre Waffen abgegeben und im Gegenzug ein Stück Land bekommen. Zudem hätten sie eine Urkunde erhalten, die sie vor der Festnahme durch die Polizei und internationale Truppen bewahren solle. Schließlich seien sie mit der neuen afghanischen Verfassung vertraut gemacht worden, sagt Yusofi, der früher zehn Jahre lang Botschafter im Irak war.

          Die „Kommission für Frieden und Versöhnung“ ist eine von mehreren Initiativen, mit denen die afghanische Regierung seit einigen Jahren versucht, mit Aufständischen ins Gespräch zu kommen. Doch bislang waren diese Bemühungen widersprüchlich und zögerlich – auch deshalb, weil sie von Afghanistans wichtigstem Verbündeten, den Vereinigten Staaten, misstrauisch beäugt wurden.

          Seit der amerikanische Präsident Barack Obama am Wochenende einen Dialog mit moderaten Taliban ins Gespräch gebracht hat, wird auch in Kabul wieder intensiv über Verhandlungen mit den Aufständischen diskutiert. Yusofis Kommission dürfte allerdings kaum Teil der neuen amerikanischen Strategie werden. Wegen ausbleibender Erfolge und Korruptionsvorwürfen stellten die Vereinigten Staaten die finanzielle Förderung schon vor zwei Jahren ein. „Es ist ihnen nicht gelungen, einen einzigen Kommandeur zum Aufgeben zu bewegen“, sagt Haroun Mir von der Forschungseinrichtung „Afghanistan Center for Research and Policy Studies“ in Kabul.

          Kontakte zu gesprächsbereiten Militanten

          Zudem habe sich die Kommission wiederholt für die Freilassung von inhaftierten Regierungsgegnern stark gemacht, die anschließend weitere Terrorakte verübt hätten. Jüngstes Beispiel ist der im Taliban-Untergrundgouverneur der Provinz Badghis, Mullah Dastagir. Er wurde auf Anordnung von Präsident Hamid Karzai aus der Untersuchungshaft entlassen und verübte anschließend einen Anschlag auf einen Armeekonvoi, bei dem 13 afghanische Soldaten getötet wurden.

          Vorsichtige Hoffnung setzen viele Afghanen dagegen in die Initiative des saudischen Königshauses, das im Oktober 2008 Vertreter der Regierung Karzai und der früheren Talibanregierung nach Mekka einlud. Unter den Teilnehmern war zum Beispiel der damalige Taliban-Botschafter in Pakistan, Mullah Abdul Salaam Zaif, der mehrere Jahre in Guantánamo verbracht hat und heute in Kabul lebt. Dem Vernehmen nach waren aber keine Vertreter der aktuellen Talibanführung anwesend.

          Offenbar gibt es Bemühungen, über Ehemalige wie Zaif Kontakte zu gesprächsbereiten Militanten aufzunehmen. Der afghanische Senator Arsallah Rahmani, der in Mekka dabei war, sagte der Presse: „Wir versuchen eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen, damit wir uns irgendwo in Afghanistan treffen können.“

          Saudi-Arabien könnte Druck machen

          Ein ehemaliger Taliban-Diplomat sagte dagegen in Kabul, ein solches Treffen habe in Kandahar schon stattgefunden. Karzai sei durch seinen Bruder Qayum vertreten worden. Offiziell haben die Taliban bisher alle Berichte über Verhandlungen zurückgewiesen. Die Einbindung Saudi-Arabiens könnte nach Ansicht von Diplomaten jedoch den Druck auf die Islamisten erhöhen. Riad gilt unter konservativen Sunniten als moralische Instanz.

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