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Mobilmachung in Russland : Abgesetzt aus Putins Reich

Wollen eine Identifikationsnummer: Russische Bürger vor einem Bürgeramt in Almaty Bild: Reuters

Zigtausende Russen sind wohl schon nach Kasachstan geflohen. Dessen Präsident Tokajew verspricht Hilfe – und setzt sich von Putin ab.

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          Vitalij Awerin hat alle Hände voll zu tun mit dem, was der 38 Jahre alte Russe als „Demobilisierung“ bezeichnet. Awerin berät Russen, die sich vor der Mobilmachung im Land nach Kasachstan absetzen wollen. Dort, in Almaty, der größten Stadt des Landes, lebt er selbst seit dem vergangenen Frühjahr. Denn als Führungsmitglied der Wahlbeobachtungs- und Demokratiebewegung „Golos“ (Stimme) drohte Awerin, wie er im Gespräch aus Kasachstan berichtet, in Russland Strafverfolgung.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Kasachstan dürfte das Land sein, in das seit dem vergangenen Mittwoch, als Russlands Präsident Wladimir Putin die Mobilmachung verkündete, die meisten Russen ausgereist, faktisch geflohen sind. Die Grenze zwischen den beiden Ländern ist die längste Landgrenze der Erde, es gibt zahlreiche Übergänge. Russen können sie mit dem Pendant des Personalausweises überqueren, denn Kasach­stan und Russland sind beide Mitglieder der Eurasischen Wirtschaftsunion. Awerin rät seinen Schützlingen aber dazu, möglichst ihren Reisepass mitzunehmen: Der Einreisestempel darin sei die Bedingung für etliche Dienste in Kasachstan. Zur Not könne man aber einen Reisepass in einer konsularischen Vertretung Russlands in Kasachstan beantragen – das sei noch ein Vorteil des Landes.

          Vor der Mobilmachung geflohen
          Vor der Mobilmachung geflohen : Bild: Reuters

          Schon seit den westlichen Sanktionen gegen russische Banken nach dem Überfall auf die Ukraine ist das südliche Nachbarland Ziel vieler Russen geworden, die eine Steuernummer beantragen und damit ein Konto eröffnen. Denn Kasachstan, das sich traditionell im Rahmen einer „Multivektorenpolitik“ mit allen Seiten gut stellen will, riskiert nicht, westlichen Sanktionen zu unterfallen und kann zudem als Tor nach Russland dienen. Unklar ist, wie viele Russen seit Mittwoch gekommen sind, um zunächst im Land zu bleiben und abzuwarten, wie sich die Mobilmachung entwickelt, oder um weiterzureisen, etwa über die Flug­häfen in der Hauptstadt Astana und in Almaty. Zigtausende Russen dürften es durchaus sein.

          Kasachstan will „Referenden“ nicht anerkennen

          Bisher, berichtet Awerin, gelinge den allermeisten die Ausreise. Auf russischer Seite sind ihm nur zwei Fälle bekannt, in denen Männern unter Berufung auf Anordnungen von Wehrkommissaren die Ausreise verwehrt worden sei. Manche Ausreisende würden von Grenzern – die zum Geheimdienst FSB gehören – gefragt, ob sie von der „Spezialoperation“ gegen die Ukraine und der Mobilmachung wüssten. Gerüchte über bevorstehende Grenzschließungen befeuern den Zustrom, aber Zustände wie an Russlands Grenze zu Georgien gibt es an der zu Kasachstan nicht. Aus dem Kaukasus wird Wüstes berichtet: Vor dem Kontrollpunkt Werchnij Lars, dem einzigen Übergang zwischen Russland und Georgien, über den eine Einreise in die unbesetzten Teile des südkaukasischen Landes möglich ist (denn über die abtrünnigen Gebiete Abchasien und Südossetien kommende Russen werden nicht ins freie Georgien gelassen), hat sich eine Tausende Autos umfassende Schlange gebildet. Es gibt Berichte über Schmiergeld, und mittlerweile verteilen „mobile operative Gruppen“ der Behörden vor Ort Einberufungsbescheide. Aus Georgien heißt es, man habe nicht vor, die Einreise von Russen zu beschränken.

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