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Mißhandlungen im Irak : Ein Wohnwagen am Ende der Straße

  • -Aktualisiert am

Soldatin Lynndie England und Charles Graner, vielleicht Anführer der Peiniger Bild: AP

Die amerikanischen Soldaten, die im Irak Häftlinge gedemütigt und mißhandelt haben, stammen aus dem Amerika jenseits der großen Städte. Die meisten von ihnen haben sich aus ganz banalen Gründen für die Uniform entschieden.

          6 Min.

          Anthony Swofford weiß bis heute sehr genau, warum er Soldat geworden ist. Es war nicht der Ehre wegen. Irgendwann besuchte ein Anwerber des Marinekorps den jungen Mann daheim und versprach seinen Eltern, ihr Sohn werde "ein großartiger Killer".

          Dann nahm der Offizier den Halbwüchsigen beiseite und begann zu erzählen. Von Prostituierten in Italien, in Schweden und Panama - "Informationen, die meine Mutter nie in den Faltblättern des U.S. Marine Corps finden würde. Der Anwerber versprach mir, auf den Philippinen könnte ich zwei Frauen gleichzeitig für vierzig Dollar haben. Ich war gerade siebzehn geworden. Ich hatte erst dreimal Sex gehabt. Ich war begeistert." Ein paar Monate später unterschrieb Swofford den Anwerbevertrag, wurde Scharfschütze, kämpfte im ersten Golfkrieg gegen die Langeweile, den Staub, am Ende auch gegen Saddam Husseins Truppen, quittierte bald darauf den Dienst, begann zu studieren und machte schließlich aus seinen Kriegserfahrungen ein wütendes, derbes, eindringliches, sehr erfolgreiches Buch, "Jarhead", das im vergangenen Jahr pünktlich zum zweiten Irak-Feldzug erschien.

          Banale Gründe

          Selbst wenn man von Swoffords Geschichte alle Landserdrastik abzieht, erinnert die Anekdote seiner Anwerbung doch an eine verbreitete Praxis. Manche Amerikaner gehen aus lauterstem Patriotismus zur Armee, manche treibt die Familientradition, eine vage Abenteuerlust oder die Neugier auf fremde Länder. Aber nicht wenige derer, die sich freiwillig melden, haben sehr viel banalere Gründe. So wie Swofford. Oder wie Jessica Lynch, die damals neunzehn Jahre alte Frau aus West Virginia, die gleich nach dem amerikanischen Einmarsch im Irak verwundet wurde, erst den irakischen Truppen und dann den Propagandastrategen des Pentagon in die Hände fiel, zur Heldin stilisiert wurde und heute ihr Leben kaum mehr wiedererkennt: Sie hatte sich zur Armee-Reserve gemeldet, weil sie Lehrerin werden wollte, sich das Studium aber nicht leisten konnte und daher auf ein Veteranen-Stipendium fürs College hoffte. Gelegenheit macht Diebe. Ein Mangel an Möglichkeiten macht Soldaten.

          Lynndie England in einem Foto aus dem Jahrbuch ihrer Schule

          Geld für die Ausbildung

          Auch die andere junge Frau aus dem amerikanischen Bundesstaat West Virginia, die der Krieg im Irak in den letzten Tagen mit elementarer Gewalt aus der Anonymität gerissen hat, wollte in Uniform in erster Linie Geld für ihre Ausbildung verdienen. Daß daraus etwas wird, ist zweifelhaft. "Private First Class" Lynndie England ist die Soldatin mit den kurzen dunklen Haaren, die der Welt auf bestürzende Weise vertraut geworden ist, seit sie immer wieder auf den Bildern der Mißhandlungen irakischer Gefangener im Gefängnis Abu Ghraib vor den Toren Bagdads zu sehen war. Sie ist die Frau, die lächelnd auf die entblößten Geschlechtsorgane männlicher Häftlinge zeigt und dabei eine Zigarette im Mund hält. Sie ist die Frau auf den Fotos, die einen nackten Mann, der vor ihr auf dem Boden liegt, wie einen Hund an der Leine hält. Wer ist sie? Und wer sind ihre Kameraden von der 372. Military Police Company aus Cumberland, Maryland, die auf den anderen Aufnahmen von gedemütigten, erniedrigten Irakern zu sehen sind und so offensichtlich ihren perversen Spaß haben?

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