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Missbrauchskonferenz in Rom : Heiler der Seele und Mörder des Glaubens

Papst Franziskus betet bei der Eröffnung des Krisengipfels. Er forderte „konkrete und wirksame Maßnahmen“ gegen das „Übel“ Missbrauch in seiner Kirche. Bild: AFP

Papst Franziskus hat im Vatikan den Krisengipfel zum Umgang mit sexuellem Missbrauch eröffnet. Die Bischöfe wollen einen Heilungsprozess anstoßen – doch bevor sie sprechen, kommen Opfer zu Wort.

          Bevor Papst Franziskus und die Bischöfe über die Opfer von sexuellem Missbrauch sprechen, kommen diese selbst zu Wort: „Ihr seid die Heiler der Seele“, sagt ein anonymes Opfer am Donnerstag in einem Video, das den Teilnehmern des Krisengipfels zum Kinderschutz im Vatikan vorgespielt wurde. Doch „in manchen Fällen habt ihr euch in Mörder der Seele, in Mörder des Glaubens verwandelt“. Eine Frau berichtet davon, dass sie mehr als 13 Jahre lang von einem Priester vergewaltigt worden sei und dieser sie dreimal gezwungen habe, abzutreiben – „ganz einfach, weil er keine Kondome oder Verhütungsmittel wollte“. Papst Franziskus hatte zuvor in einem kurzen Grußwort zur Eröffnung der viertägigen Konferenz „konkrete und wirksame Maßnahmen“ gefordert, um das „Übel“ des sexuellen Missbrauchs in der Weltkirche zu bekämpfen. „Hören wir den Schrei der Kleinen, die Gerechtigkeit verlangen“, sagte er in einer kurzen Ansprache an die 190 versammelten Bischöfe und Kardinäle, Ordensoberen und Fachleute. Die Bischöfe müssten auf „aufrichtige und gründliche Weise“ darüber diskutieren, wie sie „diesem Übel entgegentreten können“.

          Thomas Jansen

          Redakteur in der Politik.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Der maltesische Erzbischof Charles Scicluna, der in der Glaubenskongregation für die Strafverfolgung von sexuellem Missbrauch verantwortlich ist, forderte die Bischöfe in seinem Vortrag auf, „gewissenhaft und im Geist der Kooperation“ den jeweiligen staatlichen Vorschriften zur Anzeige solcher Fälle zu folgen. „Vom Geist der Zusammenarbeit profitieren die Kirche und die Gesamtgesellschaft gleichermaßen.“ Der philippinische Kardinal Luis Antonio Tagle, Erzbischof von Manila, nahm vor allem die Bischöfe in die Pflicht, die durch Fehlverhalten im Umgang mit Missbrauchsfällen selbst schwere Schuld auf sich geladen hätten. Der Mangel an Verantwortung, „bis hin zur Vertuschung des Skandals, um die Täter und die Institution zu schützen, hat unser Volk tief verletzt“, sagte Tagle.

          „Wie können wir Bischöfe, die wir zu den Verwundungen beigetragen haben, jetzt den Heilungsprozess vorantreiben?“ Dazu müsse die Kirche weiter an der Seite jener stehen, die „so tief vom Missbrauch verletzt wurden, indem wir Vertrauen bilden und immer wieder um Vergebung bitten“, forderte Tagle. Am ersten Tag war das Leitthema Verantwortung, an diesem Freitag geht es um Rechenschaft, am Samstag schließlich um Transparenz. Während drinnen im Plenum und in Kleingruppen debattiert wurde, äußerten Sprecher von Opferverbänden nahe dem Petersplatz ihre Enttäuschung darüber, dass die Treffen mit einigen wenigen Missbrauchsopfern am Rande der Konferenz allenfalls Alibicharakter gehabt hätten.

          Und auf der Piazza di San Silvestro auf der anderen Seite des Tibers kamen rund hundert Katholiken aus aller Welt zu einer Demonstration zusammen. Sie beteten den Rosenkranz, lasen aus der Bibel und aus dem „Buch von Gomorrha“ des italienischen Benediktinermönchs Peter Damian, der von 1006 bis 1072 lebte. Der 21. Februar ist in der Weltkirche der Gedenktag dieses Heiligen und Kirchenlehrers, der in seiner 1049 veröffentlichten Schrift über die biblische Erzählung von Sodom und Gomorrha das „äußerst säuische Leben“ vieler Geistlicher jener Zeit geißelte und für alle unzüchtigen und widernatürlichen Akte einen detaillierten Strafenkatalog vorlegte.

          Deutsche Bischöfe verweigerten Anlaufstellen für Opfer

          Der Vatikan veröffentlichte am Donnerstag eine Art Fahrplan mit 21 Punkten, über die während des Krisengipfels diskutiert werden soll. Dazu zählt auch der Vorschlag, Laien in die kirchenrechtlichen Ermittlungen und Prozesse einzubinden. Der Papst hatte im November eine derartige Initiative der amerikanischen Bischofskonferenz gestoppt und damit viel Unmut unter den amerikanischen Bischöfen hervorgerufen. Der Vatikan hatte diesen Schritt damals auch damit begründet, dass man den bevorstehenden Krisengipfel abwarten wolle.

          Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, hatte sich jüngst für eine Beteiligung von Laien an kirchenrechtlichen Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs ausgesprochen. In dem Papier, dessen Vorschläge laut Vatikan von „diversen Kommissionen und Bischofskonferenzen“ formuliert wurden, findet sich auch die Forderung, von kirchlichen Autoritäten unabhängige Anlaufstellen für Opfer einzurichten, die aus Geistlichen und Laien bestehen sollen. Die deutschen Bischöfe haben sich bislang geweigert, solche Anlaufstellen einzurichten. Einige Bischöfe hatten nach der Veröffentlichung der Studie über sexualisierte Gewalt in der katholischen Kirche in Deutschland im Herbst angekündigt, über einen solchen Schritt nachdenken zu wollen.

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