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Missbrauchsfälle in Irland : Vatikan beginnt Krisengespräche

  • Aktualisiert am

Papst Benedikt XVI. Bild: dpa

Im Vatikan haben am Montag zweitägige Krisengespräche zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in Irland begonnen. Zwei Untersuchungsberichte hatten die Fälle im vergangenen Jahr aufgedeckt. Die Opfer forderten vom Papst Rechenschaft und von der Kirche finanzielle Entschädigung.

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          Im Vatikan haben am Montag zweitägige Krisengespräche zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in Irland begonnen. Tausende Heimkinder waren bis in die 90er Jahre von Geistlichen in kirchlichen Einrichtungen des Landes gequält und vergewaltigt worden. Zwei Untersuchungsberichte hatten die Fälle im vergangenen Jahr aufgedeckt. Die Opfer forderten vom Papst Rechenschaft und von der Kirche finanzielle Entschädigung.

          Bis Dienstagmittag werden die Katholiken nun über Strategien diskutieren, „um jede Wiederholung zu verhindern“. Dabei sollen die Bischöfe einzeln - jeweils etwa sieben Minuten lang - mit dem Papst sprechen, wie der Bischof von Clogher, Joseph Duffy, am Sonntagabend erklärte. Duffy erwartet von der Begegnung angesichts der „tiefen Wunden“ der Kirche mehr als nur „kosmetische Maßnahmen“.

          Das erste Gespräch soll der Papst mit dem Präsidenten der irischen Bischofskonferenz, Kardinal Sean Brady, führen. Brady wollte dem Kirchenoberhaupt erstmals auch Stellungnahmen der Opfer übergeben. Der Delegation aus Irland gehören insgesamt 24 Mitglieder an.

          Vier Bischöfe traten zurück

          Die Untersuchungsberichte hatten die Kirche 2009 in eine ihrer tiefsten Krisen gestürzt. Der erste Report zeigte im Mai, dass in Irland von 1930 bis in die 1990er Jahre hinein tausende Kinder von Kirchenleuten geschlagen, kahlgeschoren, mit Feuer oder mit Wasser gequält und vergewaltigt worden waren. Sie hatten Nummern statt Namen. Manchmal waren sie so hungrig, dass sie Abfall aßen.

          Im November zeigte der sogenannte Murphy-Report, wie die Kirche grausame Taten jahrelang systematisch unter den Teppich gekehrt hatte. Die Kirchenleitungen schwiegen demnach aus Furcht vor einem Skandal, staatliche Behörden schauten weg.

          Opfer fordern weiteren Rücktritt

          Vier von fünf Bischöfen, die in dem Murphy-Bericht kritisiert werden, traten zurück - allerdings erst nach starkem öffentlichen Druck. Drei Rücktritte muss der Papst noch akzeptieren. Die Opfer fordern, dass auch der fünfte - der Bischof von Galway, Martin Drennan - geht. Drennan hat nach eigenen Worten niemals Kinder in Gefahr gebracht. Nach dem Bericht hatten Priester zwischen 1975 und 2004 allein in der Erzdiözese Dublin über 300 Kinder misshandelt.

          „Wir wollen, dass der Papst sich entschuldigt, nicht allgemein, sondern für das, was in Irland geschehen ist“, zitierte der irische Sender RTE das Opfer Michael O'Brien. Es handele sich außerdem nicht um ein rein irisches Problem, sondern „um ein Problem der katholischen Kirche weltweit“, so O'Brien. Für John Kelly vom Verband ehemaliger Missbrauchsopfer geht es auch darum, Irland „die Ehre zurückzuerstatten“. Diese sei „schwer beschädigt worden durch die von einem Anti-Christ in den letzten 50 Jahren begangenen Grausamkeiten“.

          Einige Betroffene hatten von Benedikt eine Buße in der irischen Kirche gefordert. Doch auf seiner für September geplanten Großbritannien-Reise ist ein Besuch in Dublin nicht vorgesehen.

          Nach dem ersten Missbrauchsreport im Mai hatte eine Katholische Bruderschaft, die viele Heime leitete, in denen Kinder misshandelt wurden, Entschädigungen in Höhe von 161 Millionen Euro zugesagt. Das Geld sollte an Stiftungen fließen. Mehr als 12 000 Opfer waren bereits mit mehr als einer Milliarde Euro entschädigt worden.

          Papst „tief bestürzt“

          Der Papst selbst hatte die Fälle bereits bei einem ersten Treffen im Dezember „tief bestürzt und betrübt“ verurteilt und angekündigt dem Fall höchste Aufmerksamkeit zu widmen.

          Der Skandal um den sexuellen Missbrauch an deutschen katholischen Schulen und Gemeinden steht in Rom zunächst nicht zur Debatte (Siehe auch: Missbrauchskandal weitet sich aus). Der Vatikan hatte sich kürzlich hinter die Bitte um Entschuldigung des deutschen Jesuiten-Chefs Stefan Dartmann gestellt. Man werde sich daher nicht in einer eigenen Stellungnahme äußern, sei aber in „völliger Übereinstimmung“ mit dem, was Dartmann gesagt habe. Benedikt äußerte sich während seines Pontifikats schon mehrfach unmissverständlich zum Thema Kindesmissbrauch in der Kirche. Auf seiner USA-Reise 2008 war er als erster Papst mit Opfern pädophiler Priester zusammengekommen.

          Ein ähnliches Treffen wie das jetzige gab es im Jahr 2002, als amerikanische Kardinäle von Papst Johannes Paul II. vorgeladen wurden, um Missbrauchsfälle in der amerikanischen Kirche zu diskutieren.

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