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Missbrauchsfälle : Chiles Justiz geht hart gegen Kirche vor

Papst Franziskus bittet bei seinem Besuch in Chile Anfang des Jahres um Vergebung für den sexuellen Missbrauch durch einen Priester. Bild: Reuters

Die chilenische Justiz ermittelt in 104 Fällen von sexuellem Missbrauch gegen die katholische Kirche. Im Visier dabei: Kardinal Ricardo Ezzati. Er soll vom Pädophilen-Ring gewusst und zur Vertuschung beigetragen haben.

          In Chile hat der für die Untersuchung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche zuständige Sonderermittler Emiliano Arias einen Prozess von „historischem Ausmaß“ angekündigt. Arias hat in den vergangenen Wochen bei mehreren Hausdurchsuchungen – unter anderem in den Amtsräumen von Kardinal Ricardo Ezzati in Santiago – nach eigenen Angaben umfangreiches belastendes Material beschlagnahmt. Der Staatsanwalt verdächtigt Ezzati der Vertuschung schwerer Straftaten. Der Kardinal muss sich am 21. August persönlich einer Vernehmung durch Arias stellen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Arias glaubt nachweisen zu können, dass in der katholischen Kirche Chiles zahlreiche Schriftstücke vernichtet wurden, in welchen Missbrauchsfälle dokumentiert worden waren. Mitte Juli wurde der Geistliche Oscar Muñoz, ehemaliger Kanzler der Erzdiözese Santiago und persönlicher Vertrauter Ezzatis, wegen des Verdachts des Kindesmissbrauchs in mindestens sieben Fällen festgenommen. Bei fünf der Opfer soll es sich um Neffen von Muñoz gehandelt haben. Der letzte Fall soll sich Ende 2017 ereignet haben und kann damit strafrechtlich verfolgt werden. Die Verjährungsfrist von Missbrauchsfällen beträgt nach chilenischem Recht zehn Jahre.

          Muñoz war als Kanzler der Hauptstadt-Diözese zuständig für den Umgang mit Anzeigen von Missbrauchsopfern, etwa des Serientäters Fernando Karadima. Sonderstaatsanwalt Arias und seine Mitarbeiter verfolgen 104 Fälle von sexuellem Missbrauch durch Amtsträger der katholischen Kirche. 52 der Opfer waren zum Zeitpunkt des Missbrauchs minderjährig. Gegen fast 70 Amtsträger – unter ihnen drei Bischöfe – laufen Ermittlungen. Nach chilenischen Medienberichten soll es in der Diözese Rancagua einen Pädophilen-Ring gegeben habe, von dessen Verbrechen die chilenische Kirchenführung unter Kardinal Ezzati gewusst habe.

          Als historische Wasserscheide im Umgang der Strafverfolgungsbehörden mit Missbrauchsfällen in der Kirche gilt der Besuch von Papst Franziskus in Chile vom Januar. Dabei hatte Franziskus den als Mitwisser von Pater Karadima beschuldigten Bischof Juan Barros entschieden verteidigt und alle Vorwürfe gegen ihn als „Verleumdung“ zurückgewiesen. Nachdem der Papst zwei vatikanische Sonderermittler nach Chile entsandt hatte, räumte er „schwere Fehler“ bei der Beurteilung der Missbrauchsfälle ein, bestellte alle 34 Bischöfe des Landes zum Krisenrapport nach Rom und drängte sie zum kollektiven Rücktritt. Bisher hat der Papst die Demission von fünf Bischöfen angenommen, unter ihnen Bischof Barros.

          Seit dem missglückten Papstbesuch in Chile und angesichts des internationalen Aufsehens, den der Missbrauchsskandal erregte, hat sich unter chilenischen Strafverfolgern und in der Öffentlichkeit die Überzeugung durchgesetzt, dass die Kirche den grassierenden Missbrauch in ihren Reihen vertuscht hat statt ihn zu ahnden und deshalb von der staatlichen Justiz zur Rechenschaft gezogen werden muss. Auch der konservative Präsident Sebastián Piñera hat der Kirche schwerwiegende Fehler vorgeworfen. Am Mittwoch ersuchte die chilenische Staatsanwaltschaft den Vatikan offiziell um Amtshilfe. Nach Medienberichten soll es bei den Anträgen um Akteneinsicht zu neun Klerikern gehen, gegen die in Chile ermittelt wird. Grundlage seien völkerrechtliche Abkommen, hieß es.

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