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Missbrauchsdebatte in Polen : Anlass zur Hoffnung

Wojciech Polak (r.), Erzbischof von Gnesen und Primas der polnischen Kirche, bei einer Pressekonferenz; im Hintergrund Erzbischof Henryk Gadecki Bild: AP

Zwei Filme über Missbrauch in der katholischen Kirche haben Polen aufgerüttelt – selbst höchste Repräsentanten der Kirche bekundeten ihren Schmerz und ihre Scham. Endlich.

          Zwei Filme erschüttern Polen. Beide handeln von Missbrauch in der katholischen Kirche. Der erste war ein Spielfilm mit dem Titel „Der Klerus“; er zeigt das sündige Leben von Priestern und einem Bischof. Der zweite Film, eine Doku namens „Aber sag es niemandem“, steht seit gut einer Woche auf Youtube. Dort haben ihn schon 18 Millionen Menschen gesehen. Zum Vergleich: In Polen leben 38 Millionen Menschen.

          Wenn der erste Film das Land gespalten hat, so hat der zweite es eher vereint. Der Wucht der Szenen, in denen, oft vor versteckter Kamera und zumeist mit verpixeltem Gesicht, Priester von ihren Opfern zur Rede gestellt werden, kann sich niemand entziehen. Höchste Repräsentanten der Kirche bekundeten ihren Schmerz und ihre Scham über die Straftaten.

          Auch die PiS musste auf den Zug aufspringen

          Da ist etwas in Bewegung geraten. Endlich. Selbst die nationalkonservative und kirchennahe Regierungspartei PiS sah keinen anderen Weg mehr, als auf den Zug aufzuspringen. Am Donnerstag billigte das Parlament eine Verschärfung der Strafen für Missbrauch von Minderjährigen.

          Was sagt der Skandal in Polen über die Lage im Land? Und wo stehen die Kirchen? Der tschechische Soziologe Tomáš Halík hat darüber nachgedacht. Er wurde vor 1989 von einem Bischof in der DDR heimlich zum Priester geweiht. In diesem Monat hat Halík in Österreich eine bemerkenswerte Rede gehalten. „Das große Schiff des traditionellen Christentums sinkt auf den Grund“, sagte er. „Und wir sollten keine Zeit damit verlieren, die Liegestühle auf der Titanic hin und her zu schieben.“

          Der Sturm des Missbrauchsskandals werde nicht einfach vorübergehen. Dass in vielen Ländern immer weniger Männer Priester werden wollten, liege auch am Zölibat. Zugleich warnte der Geistliche die Kirchen in Europa davor, sich von Populisten und Nationalisten in „Kulturkriege mit der sie umgebenden Welt“ hineinziehen zu lassen, anstatt „die Kultur unserer Zeit und die Fragen, welche die Menschen sich stellen, verstehen zu wollen“.

          PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski hat vor einigen Jahren gewarnt, „wer die Hand gegen die Kirche erhebt“, der attackiere Polen. Jetzt hat ihm Wojciech Polak, als Primas das Ehrenoberhaupt der polnischen Katholiken, mitten im tobenden Sturm in gewisser Weise geantwortet. In dem Youtube-Film sehe er keinen Angriff auf die Kirche, sagte Erzbischof Polak. Wenigstens das gibt Anlass zur Hoffnung: Die Geistlichen erforschen ihr Gewissen und zeigen (tätige) Reue – eine urchristliche Handlung, die auch einem Bischof gut ansteht.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

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