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Missbrauchsaffäre : Warum schont der Papst McCarrick?

Papst Franziskus (vorne) und der mittlerweile emeritierte Bischof Theodore McCarrick 2015 in Washington Bild: AP

Im Missbrauchsskandal in Chile greift Papst Franziskus drakonisch durch, sechs Bischöfe traten schon zurück. Gegenüber Bischof McCarrick verhält er sich jedoch nachsichtig. Denn Franziskus hat ihm viel zu verdanken.

          Es sei ein „langer, fruchtbarer und guter Austausch“ gewesen: So beschreibt Daniel Kardinal DiNardo, der Vorsitzende der amerikanischen Bischofskonferenz, das Treffen mit Papst Franziskus am Donnerstag. Über Einzelheiten der Audienz im Vatikan, an der drei weitere ranghohe Kirchenvertreter aus Amerika teilnahmen, wollte DiNardo nichts sagen. Er zeigte sich aber „erfüllt von der Hoffnung“, dass die Kirche in den Vereinigten Staaten ihre schwere Glaubwürdigkeitskrise wegen immer neuer Missbrauchsskandale überwinden können werde.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Als notwendigen Schritt zur Überwindung der Krise sehen viele katholische Laien in Amerika auch die gründliche Aufarbeitung des Falles Theodore McCarrick. Über die seriellen sexuellen Übergriffe des inzwischen demissionierten Kardinals wurde in der amerikanischen Kirchenführung ziemlich offen geredet: Was „Uncle Ted“ – wie sich McCarrick selbst zu nennen pflegte – mit jungen Seminaristen trieb, wusste alle Welt. Zuletzt gab es zudem erdrückende Indizien, dass er sich auch an Minderjährigen vergangen hatte. Woraufhin Franziskus ihn aus dem Kardinalskollegium entfernte und unter Hausarrest stellen ließ.

          Von McCarricks Untaten wollen gerade jene nichts gewusst haben, die ihm am nächsten waren. Etwa dessen Nachfolger im Amt des Erzbischofs von Washington, Donald Kardinal Wuerl. Oder der Kurienkardinal Kevin Farrell, im Vatikan seit 2016 Leiter des von Franziskus neu eingerichteten Dikasteriums für Laien, Familie und Leben; Farrell wohnte von 2002 bis 2007 mit McCarrick sogar unter einem Dach (in der erzbischöflichen Residenz von Washington).

          Im Vatikan weiß man schon lange von McCarricks Taten

          Der schon Mitte August von Kardinal DiNardo geäußerten Bitte, der Vatikan möge mittels einer apostolischen Visitation der Causa McCarrick auf den Grund gehen, hat der Papst bisher nicht entsprochen. In den Mitteilungen über die Audienz vom Donnerstag ist von der Entsendung eines päpstlichen Visitators – eines Sonderermittlers mit umfassenden Vollmachten – nicht die Rede. Auch das Rücktrittsgesuch Wuerls hat der Papst bisher nicht angenommen.

          Beim Missbrauchsskandal in Chile hatte sich der Papst nach seinem missglückten Pastoralbesuch im Januar zur Entsendung des maltesischen Erzbischofs Charles Scicluna als Sonderermittler entschlossen. Siclunas 2300-Seiten-Bericht über den wuchernden Missbrauch und dessen Vertuschung durch die chilenische Kirchenführung veranlasste den Papst im April zu einer persönlichen Entschuldigung für seine eigene Fehleinschätzung. Zudem bestellte Franziskus im Mai die gesamte chilenische Bischofskonferenz zum Rapport ein und forderte sie auf, geschlossen ihren Rücktritt einzureichen. Bisher hat der Papst den Rücktritt von einem halben Dutzend der 34 chilenischen Bischöfe angenommen.

          Warum greift der Papst im Fall Chile so drakonisch durch, entspricht im Gegensatz dazu aber nicht der Bitte der amerikanischen Bischofskonferenz, einen Visitator nach Washington zu schicken? Dass man im Vatikan seit langem von McCarricks Sexualverbrechen wusste, behauptet nicht nur der ehemalige Nuntius in Washington, Erzbischof Carlo Maria Viganò. Auch inzwischen aufgetauchte Dokumente aus der Nuntiatur in Washington legen dies nahe. Der Papst schweigt weiter zu den Vorwürfen.

          Zweifelhaftes Abkommen mit China

          Dieser Tage sickerte durch, dass das seit langem vorbereitete Abkommen zwischen dem Vatikan und der kommunistischen Führung in Peking über die gemeinsame Ernennung von Bischöfen noch im September unterzeichnet werden soll. Das wäre angesichts der vielen Missbrauchsskandale eine willkommen Erfolgsmeldung für die Weltkirche. Einer der wichtigsten Kontaktleute zwischen dem Vatikan und Peking war über die Jahre hinweg Kardinal McCarrick. Mehrfach reiste er in Franziskus’ Auftrag nach Peking.

          Bei seiner letzten Visite im Februar 2016 sagte McCarrick, die Ähnlichkeiten zwischen dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping und Franziskus könnten ein „besonderes Geschenk für die Welt“ werden: „Vieles, was China umtreibt, treibt auch den Papst um: die Fürsorge für die Armen, für ältere Menschen und für Kinder, für unsere Zivilisation und besonders für die Ökologie. Viele Türen können sich öffnen, vieles kann sich bewegen, weil Präsident Xi und seine Regierung über Dinge besorgt sind, um die sich auch Papst Franziskus sorgt.“

          Kritiker eines Abkommens, an erster Stelle der emeritierte Bischof von Hongkong, Joseph Kardinal Zen, werfen dem Papst vor, im Umgang mit China naiv zu sein und faktisch einen Kniefall zu machen. Der Vatikan erhofft sich, die bestehende Spaltung der rund zwölf Millionen chinesischen Katholiken in die regimehörigen „katholischen Patrioten“ und die papsttreue „Untergrundkirche“ zu überwinden. Westliche Menschenrechtsorganisationen warnen vor der Signalwirkung eines für Peking prestigeträchtigen Abkommens mit dem Vatikan gerade zu Zeiten, da die Repression gegen sämtliche Glaubensgemeinschaften immer weiter zunimmt.

          Die Washingtoner Kardinäle McCarrick und Wuerl hatten schon maßgebliche diplomatische Mittlerdienste bei der Annäherung zwischen Präsident Barack Obama und dem kommunistischen Regime auf Kuba geleistet. Ohne Franziskus und die Kardinäle seines Vertrauens in Washington wäre es kaum zur Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Washington und Havanna gekommen. Darauf ist der Papst aus Argentinien stolz. Das Abkommen mit Peking wäre für Franziskus eine weitere diplomatische Großtat. Seinem „Elder Statesman“ McCarrick hat der Papst dabei viel zu verdanken.

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