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Missbrauch in der Kirche : Der Papst ist keine Ausrede mehr

Papst Franziskus schafft bei Missbrauchsfällen das „päpstliche Geheimnis“ ab. Bild: dpa

Franziskus hat das „päpstliche Geheimnis“ für Missbrauchsfälle abgeschafft. Das ist ein starkes Signal – in der Praxis ändert sich wenig.

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          Im April 2010 wird ein Schreiben von Darío Kardinal Castrillón Hoyos an den französischen Bischof Pierre Pican bekannt: „Sie haben wohl gehandelt, und ich freue mich, einen Mitbruder im Episkopat zu haben, der es vor den Augen der Geschichte und allen anderen Bischöfen vorzieht, lieber ins Gefängnis zu gehen, als einen anderen Priester zu denunzieren“, heißt es darin. Anlass für dieses Lob war Picans Weigerung, einen Priester seines Bistums Bayeux der französischen Justiz zu melden, der Minderjährige sexuell missbraucht hatte. Castrillón Hoyos war zu diesem Zeitpunkt nicht irgendein Kardinal, sondern Präfekt der Kleruskongregation und damit oberster vatikanischer Verantwortlicher für mehr als 270 000 katholische Priester.

          Marlene Grunert

          Redakteurin in der Politik.

          Thomas Jansen

          Redakteur in der Politik.

          Der Brief ist eines der prominentesten und zugleich krassesten Beispiele für jene klerikale Geisteshaltung, die den Schutz der eigenen Institution über alles stellt und eine systematische Vertuschung sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Geistliche überhaupt ermöglichte. Zugleich zeigt das Schreiben, welch verheerende Folgen das „päpstliche Geheimnis“ hatte. Ihm unterlagen alle Fälle sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Priester; es untersagte eine Weitergabe von Informationen aus kirchenrechtlichen Prozessen wegen solcher Delikte. Ein Verbot, solche Fälle der Justiz zu melden, umfasste es nicht. Die höchste kirchliche Geheimhaltungsstufe wurde aber zu Vorwand und Ausrede, um Täter zu schützen, Opfer zum Schweigen zu bringen und staatliche Strafverfolgung zu behindern. Am Dienstag hat Papst Franziskus das „päpstliche Geheimnis“ für solche Fälle aufgehoben; es gilt nun nur noch ein weniger strenges Amtsgeheimnis, wie es auch staatliche Behörden kennen.

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