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Missachtung des Arbeitsrechts : Nordkoreanische Arbeiter werden in Polen ausgebeutet

Ein nordkoreanischer Arbeiter im polnischen Gdansk Bild: AP

Polen beschäftigt viele Vertragsarbeiter aus Nordkorea. Ihre Arbeitsbedingungen sind schlecht, wenn auch mutmaßlich besser als im eigenen Land.

          3 Min.

          Als Außenminister Sigmar Gabriel in dieser Woche beim EU-Außenministertreffen in der estnischen Hauptstadt Tallinn war, sprach er auch über Nordkorea, und in diesem Zusammenhang über einen bisher fast unbekannten Aspekt der Beziehungen zwischen der EU und dem Regime des Diktators Kim Jong-un: die Beschäftigung von Leih-(oder Zwangs-)Arbeitern aus Nordkorea in den Ländern der Europäischen Union.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nach einem Bericht der südkoreanischen Organisation „Database Center for North Korean Human Rights“ (NKDB) sind Arbeiter aus Nordkorea vor allem in Polen und in Malta beschäftigt. Andere EU-Länder wie die Tschechische Republik, Bulgarien und Rumänien haben Beschäftigte von ihrem Territorium nach Nordkorea zurückgeschickt, nachdem in den vergangenen Jahren Berichte über deren Ausbeutung an die Öffentlichkeit gelangt waren. Wie viele Nordkoreaner in Polen genau arbeiten, ist nicht bekannt. Das polnische Außenministerium hat auf eine entsprechende Anfrage dieser Zeitung am Freitag nicht geantwortet, aber das Arbeitsministerium hat 2012 von 509 Fällen gesprochen. Das NKDB verweist dagegen auf eine Schätzung, wonach im Jahr 2015 etwa 800 Nordkoreaner in Polen beschäftigt gewesen sein dürften. Damit ist Polen zwar offenbar der größte „Arbeitgeber“ für Nordkoreaner in Europa. Angesichts von nach UN-Schätzungen weltweit etwa 50.000 nordkoreanischen Vertragsarbeitern, die dem Regime zwischen einer und 1,9 Milliarden Euro im Jahr einbringen, ist die Zahl allerdings nicht überwältigend. Das polnische Außenministerium hat schon vor einiger Zeit mitgeteilt, dass es seit Anfang 2016 wegen der Atompolitik Kim Jong-uns keine neuen Arbeitsvisa an Nordkoreaner mehr ausgibt.

          Am Vormittag ideologische Schulung und „Selbstkritik“

          Das NKDB hat ein Ermittlungsteam nach Polen geschickt, das im Jahr 2016 einen Bericht vorgelegt hat. Die Ermittler fanden nach ausgedehnten Reisen durch das ganze Land dabei heraus, dass die meisten Nordkoreaner im Land von polnischen Bauunternehmen, Werften und Agrarbetrieben beschäftigt werden, wobei eine nordkoreanische Agentur als Vermittler dient. Offenbar erhält diese Agentur vom jeweiligen Arbeitgeber für jeden Beschäftigten den polnischen Mindestlohn, wobei die immer präsenten nordkoreanischen Aufseher an die Arbeiter selbst allerdings nur einen Bruchteil auszahlen – je nach Rang, Qualifikation und Betragen zwischen 60 und 290 Euro im Monat.

          Die Arbeiter stehen offenbar unter strikter Kontrolle ihrer Aufseher. Gleich nach ihrer Ankunft werden ihre Pässe eingezogen. Danach leben sie in Sammelunterkünften, dürfen nie in einem Raum allein sein, keine Mobiltelefone benutzen und nicht fernsehen. Auch Kontakte zur Außenwelt sind nach Darstellung des NKDB verboten. Das Ermittlungsteam beobachtete einige Baustellen, auf denen Nordkoreaner in Polen beschäftigt sind, und kam zum Schluss, dass sie an fünf Tagen in der Woche bis zu 12 Stunden täglich arbeiten. Der Sonntag scheint arbeitsfrei zu sein, dafür gebe es am Vormittag ideologische Schulung und „Selbstkritik“, am Nachmittag dann Ausgang – allerdings meist nur in Gruppen, um gegenseitige Kontrolle zu gewährleisten.

          Aus nordkoreanischer Sicht „ein Geschenk“

          Die Vorschriften des polnischen Arbeitsrechts werden dabei offenbar oft missachtet. Die Zeitung „Gazeta Wyborcza“ berichtet, zwischen 2010 und 2016 hätten die polnischen Behörden bei insgesamt 377 Kontrollen am Arbeitsplatz immer wieder Verstöße festgestellt – etwa die Verweigerung von Urlaub oder von Bezahlung für Überstunden. Als im Jahr 2014 ein Nordkoreaner an der Danziger Werft (derselben, wo 1980 der Aufstand der „Solidarność“ begann) Brandverletzungen erlitt und starb, stellte sich heraus, dass er weder Schutzkleidung getragen hatte, noch hinreichend geschult oder versichert war. Seine Arbeitszeit hatte um sechs Uhr morgens begonnen und um 19 Uhr aufgehört.

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          Die polnische Presse, vor allem die Zeitung „Gazeta Wyborcza“ und die Zeitschrift „Newsweek“ haben seit Jahren auf die Missstände aufmerksam gemacht, und im vergangenen Jahr hat die sozialdemokratisch ausgerichtete Partei Razem vor einer Warschauer Baustelle, auf der Nordkoreaner arbeiten, eine Demonstration organisiert. Auch die polnische Filiale der Helsinki-Stiftung für Menschenrechte hat auf die Situation aufmerksam gemacht. Am Freitag sagte einer ihrer Mitarbeiter, Adam Koziel, dieser Zeitung, die Situation der Arbeiter aus Nordkorea widerspreche elementaren westlichen Standards. Diese Menschen würden gegen ihren Willen isoliert, und sie würden ihrer individuellen Freiheit beraubt.

          Koziel warnte aber auch vor vereinfachender „Schwarzweißmalerei“. Er wies darauf hin, dass die Arbeitsbedingungen der Nordkoreaner in Polen aus westlicher Sicht zwar möglicherweise „furchtbar“ seien; aus ihrer eigenen, nordkoreanischen Perspektive sei ihre Situation aber möglicherweise geradezu „ein Geschenk“. Er riet dazu, sich bei aller notwendigen Kritik an der Lage dieser Menschen an die Geschichte Polens im Kommunismus zu erinnern: damals nämlich habe der eigene, polnische Staat ebenfalls Leiharbeiter zu Bedingungen ins Ausland geschickt, die aus westlicher Sicht schiere Ausbeutung waren – „aus polnischer Sicht aber war das das Beste, was einem damals passieren konnte“.

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