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Minenjagdboot „Minden“ : Der versenkte Stolz von Poti

Im Hafen von Poti: Das georgische Küstenwachboot Ayety - früher Minenjagdboot Minden - ist bei den russischen Angriffen beinahe versenkt worden Bild: Helmut Fricke, F.A.Z.

Das einstige deutsche Minensuchboot „Minden“ erlebte im Dienst der georgischen Küstenwache einen zweiten Frühling - bis die russische Armee kam. Die schürte Angst durch Willkür und hatte keinen Sinn für seemännische Sentimentalitäten.

          7 Min.

          Kapitänleutnant Juri Tschanturia kommandiert ein sinkendes Schiff. Es war einmal der Stolz der georgischen Küstenwache, die Männer sagen, sie hätten es sehr geliebt. Jetzt sieht die „Ayety“ aus wie ein Ertrinkender, halb versunken dümpelt sie im Hafenbecken von Poti. Kapitänleutnant Tschanturia war das letzte Mal vor etwa zwei Monaten auf Patrouillenfahrt. „Es ist wirklich ein sehr schönes Boot“, sagt er. Er streicht sachte mit dem Finger über die Ränder eines vergilbten Fotos aus besseren Tagen. Da steht er im Sonnenschein an Deck, an die Rehling gelehnt, die „Ayety“ ist auf Manöver mit den imposanten Kriegsschiffen aus den befreundeten Nato-Staaten. Der Kapitänleutnant schaut auf und sagt: „Dieses Boot war wie meine Familie, wie mein Haus.“

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die russische Armee, die den militärischen Teil des Hafens von Poti gründlich verwüstet hat, hatte keinen Sinn für seemännische Sentimentalitäten. Es tat offenbar auch nichts zu Sache, dass die „Ayety“ allenfalls im Kampf gegen Schwarzfischerei, illegale Verklappungen und Schmuggler in See gestochen ist. Niemals hätten Tschanturia und seine 28 Mann Besatzung mit dem 40-Milimeter-Geschütz am Bug die mächtige russische Schwarzmeerflotte herausgefordert. Viele Männer der Küstenwache schauten ohnmächtig zu, als eine von russischen Soldaten ausgelöste Explosion den Holzrumpf aufbrach und der hintere Teil des Boots im trüben Wasser versank. „Das Hafenbecken ist dort nicht so tief, dass das Boot ganz untergehen konnte“, sagt der Kommandant. Es ist etwa siebenundvierzig Meter lang und gut acht Meter breit.

          „Es wird euch nicht im Stich lassen“

          Tschanturia glaubt, die „Ayety“ wäre vielleicht noch zu retten, aber die Zeit drängt. Wasser dringt in den Maschinenraum ein. Wegen der überfallartigen Plünderungszüge russischer Soldaten auf dem Hafengelände schrecken die Georgier jedoch bisher davor zurück, die „Ayety“ zu bergen. Sie betreten das Areal nur äußerst ungern, solange es in Reichweite der russischen Armee ist, die nur wenige Kilometer entfernt an den Ufern des Rioni-Flusses Stellungen errichtet hat. Nur wenige haben sich bisher ganz kurz an Bord getraut. Das Gelände und das Boot könnten inzwischen vermint sein, sagen sie. Aber was, wenn wir das Boot retten, und die Russen jagen es dieses Mal gründlicher in die Luft?, fragen die Männer. So stehen Wut und Trauer der Besatzung der „Ayeti“ über den Untergang ihres Schiffs für das, was die Truppen des Kremls seit Tagen in Georgien praktizieren: Sie schüren Angst durch Willkür, sie demütigen die georgische Regierung und ihre Sicherheitskräfte.

          ...das ehemalige Minenjagdboot „Minden” überstand lediglich den ersten Angriff

          Die „Ayety“ hatte ein erstes Leben, bevor sie nach Georgien kam: Das Boot fuhr 228.000 Seemeilen lang als Minensucher und Minenjäger M-1805 der Lindau-Klasse unter deutscher Flagge. Damals hieß sie noch „Minden“. „Deutsche Marinesoldaten haben uns früher gesagt, sie freuten sich dass das Boot weiter zur See fährt“, berichtet Kapitänleutnant Tschanturia. „Sie haben uns gesagt: ,Es wird euch nicht im Stich lassen'. Es hat uns nicht im Stich gelassen, wir haben keine Misserfolge mit dem Boot erlebt.“

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