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Millionen-Entschädigung : Shell und die neun gehenkten Nigerianer

Späte Entschädigung: Ken Saro-Wiwa 1993 in Nigeria Bild: AFP

14 Jahre nach der Hinrichtung des nigerianischen Bürgerrechtlers Ken Saro-Wiwa und acht weiterer Regimekritiker durch die Militärjunta will Shell 15,5 Millionen Dollar Entschädigung zahlen. Eine Schuld am Tod des Schriftstellers streitet der Ölkonzern aber ab.

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          Ken Saro-Wiwa junior feierte den Vergleich mit Shell als Sieg. Sein Vater Ken Saro-Wiwa wäre mit der Einigung zufrieden gewesen, sagte der 40 Jahre alte Sohn des Schriftstellers und Bürgerrechtlers, welcher 1995 zusammen mit acht Mitstreitern von der nigerianischen Militärjunta gehenkt wurde.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die neun Männer hatten für größere Selbstbestimmung der Ethnie der Ogoni und gegen die Ausbeutung ihrer Heimat im Nordosten des Niger-Deltas durch die Ölfördergesellschaften gekämpft. Die Hinterbliebenen Ken Saro-Wiwas reichten 1996 Klage gegen Shell ein. Sie warfen dem Ölkonzern vor, der Junta dabei geholfen zu haben, ihre Gegner zum Schweigen zu bringen oder es zumindest stillschweigend toleriert zu haben. Der Konzern hatte das stets energisch als „falsch und unbegründet“ bestritten - man habe das Regime vielmehr aufgefordert, Gnade walten zu lassen. Nun hat sich Shell nach einem jahrelangen Rechtsstreit dennoch bereit erklärt, insgesamt rund 15,5 Millionen Dollar an die Hinterbliebenen der neun Männer zu zahlen.

          „Humanitäre Geste“

          Den Opfern blieben nach 13 Jahren weitere Jahre des Wartens auf Entschädigungszahlungen und Berufungsverfahren erspart, sagte ein Anwalt, um zu begründen, warum sich die Kläger auf den Vergleich eingelassen haben. Der Shell-Konzern erspart sich einen Prozess vor einem Gericht in New York, der wohl - unabhängig von seinem Ausgang - unangenehm geworden wäre.

          Am Montag bekräftigte der Ölkonzern noch einmal, er habe mit den Gewalttaten nichts zu tun gehabt, und bezeichnete die Einigung als eine „humanitäre Geste“. Malcolm Brinded, der für Ölförderung zuständige Shell-Manager, sagte, es gelte, nach vorne zu blicken und anzuerkennen, dass das Ogoni-Volk gelitten habe. „Wir glauben, diese Einigung wird den Friedens- und Aussöhnungsprozess in Ogoniland fördern, was unser Hauptanliegen ist“, sagte er.

          Die Liste mit Anschuldigungen gegen Shell ist lang. Der Konzern sei mitverantwortlich für zahllose Menschenrechtsverletzungen, Folter und Hinrichtungen von Ogoni durch das damalige Militärregime. Auch für schwere Umweltzerstörungen im Niger-Delta müsse Shell geradestehen, wurde gefordert.

          Symbolfigur des Widerstands

          Das nigerianische Militärregime, das bis 1999 an der Macht war, hatte Ken Saro-Wiwa gehasst. Der Schriftsteller war die prominente Symbolfigur des Widerstands der bitterarmen Ogoni. 1990 gründete er die „Bewegung für das Überleben des Ogoni-Volkes“ (Mosop). In Nigeria waren die Ölunternehmen da schon seit Jahrzehnten aktiv. Auf die Natur nahmen sie keine Rücksicht. Der Lebensraum der Ogoni wurde zerstört; die Flüsse, in denen sie fischten, wurden verschmutzt, der Boden unbrauchbar für den Ackerbau. Die Luft wurde durch das Verbrennen von Erdgas verpestet. Während die Ogoni unter der Ölförderung litten, floss der Gewinn an ihnen vorbei in die Taschen einer Clique von Herrschenden.

          Ken Saro-Wiwa prangerte die Lebensumstände seines Volkes an: „80 Prozent Analphabeten, ein Arzt für 70.000 Menschen, 85 Prozent Arbeitslose, eine Lebenserwartung von 51 Jahren.“ Vor allem Shell stand im Mittelpunkt der Kritik des Mosop-Führers. Er sagte, der Konzern führe einen „ökologischen Krieg“ gegen die Ogoni.

          1993 zog sich Shell aus dem Gebiet der Ogoni zurück. Nachdem dort 1994 bei Zusammenstößen Stammesälteste von einem Mob getötet worden waren, nahm die Polizei Ken Saro-Wiwa fest. Er und acht weitere Männer wurden als angebliche Hintermänner der Unruhen vor Gericht gestellt und in einem Schauprozess zum Tode verurteilt. Sie wurden am 10. November 1995 hingerichtet und auf dem Friedhof der Stadt Port Harcourt verscharrt. Die Weltöffentlichkeit war entsetzt, auch Shell stand am Pranger. Im Gefängnis hatte Ken Saro-Wiwa das Buch „Flammen der Hölle“ geschrieben, in dem er darlegte, wie erbarmungslos der Shell-Konzern in Kooperation mit den Militärs vorgegangen sei.

          Nun feiern die heutige Mosop-Führung, Menschenrechts- und Umweltschutzorganisationen, dass ein Präzedenzfall geschaffen worden sei. Großkonzerne müssten künftig verantwortungsvoller agieren, sagen sie. „Dies ist einer der ersten Fälle, in denen ein multinationales Unternehmen wegen Menschenrechtsverletzungen zur Verantwortung gezogen wurde“, sagte eine Sprecherin der „Bürgerrechtsorganisation Centre for Constitutional Rights“, die das Verfahren gegen Shell mit angestrengt hat. „Die multinationalen Unternehmen kommen nicht mehr straffrei davon.“

          Im Niger-Delta toben in diesen Tagen heftige Kämpfe. Die Ölförderung lahmt angesichts ständiger Entführungen durch vorgebliche Rebellengruppen und grassierenden Öldiebstahls. Die Armee der Regierung von Präsident Yar'Adua hat vor Wochen eine Großoffensive gegen die Rebellengruppe Mend gestartet, die ihrerseits den „totalen Krieg“ ausgerufen hat. Kampfhubschrauber griffen Ortschaften an. Die Rebellen, hinter denen lokale Politiker und mutmaßlich ranghohe Militärs stehen, geben vor, sie kämpften dafür, dass auch die Bevölkerung vom Ölreichtum des Landes profitiere. Aber sie verdienen auch gut an Lösegeldern.

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