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Proteste in Myanmar : „Unsere Nächte sind nicht mehr sicher“

  • Aktualisiert am

Demonstranten in Yangon am 13. Februar halten Plakate mit Parolen gegen das Militär und für die festgenommene Aung San Suu Kyi hoch. Bild: EPA

In Myanmar nimmt die Wut über die gezielten „nächtlichen Entführungen“ von Regimegegnern zu. Den achten Tag in Folge demonstrieren Tausende gegen den Militärputsch – und versuchen, weitere Festnahmen zu verhindern.

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          In Myanmar halten die landesweiten Massenproteste gegen den Militärputsch den achten Tag in Folge an. In Yangon, der Wirtschaftsmetropole und größten Stadt des südostasiatischen Landes, demonstrierten am Samstag abermals Tausende Menschen. Viele hatten sich über eine nächtliche Ausgangssperre hinweggesetzt. Auch in der Hauptstadt Naypyitaw, der zweitgrößten Stadt Mandalay sowie weiteren Städten kam es zu Demonstrationen. Mancherorts versuchten Aktivisten, Festnahmen von Putsch-Gegnern zu verhindern.

          Die Proteste richteten sich auch gegen die jüngste Verhaftungswelle: „Stoppt die nächtlichen Entführungen“, stand auf einem der Transparente die Demonstranten in Yangon. Seit dem Putsch vom 1. Februar seien bis Freitagabend 326 Festnahmen bestätigt worden, 303 Menschen seien immer noch inhaftiert, erklärte die „Vereinigung zur Unterstützung politischer Gefangener“ (AAPP). Auch Human Rights Watch kritisierte am Samstag: „Das Militär kehrt zu seinem alten Spiel gezielter und willkürlicher Inhaftierungen zurück, um weit verbreitet Angst zu wecken.“ Die große Mehrheit werde ohne Anklage festgehalten. Es werde befürchtet, dass die Zahl der Betroffenen weitaus höher sei als offiziell bekannt.

          Dringlichkeitssitzung bei den UN

          Unter den Verhafteten sind Mitglieder der gestürzten Regierungspartei „Nationale Liga für Demokratie“ (NLD), Mitarbeitende von Behörden, politische Aktivisten, Studentenführer, Ärzte, Mönche und Demonstranten. Die bisherige De-Facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi war gleich nach Beginn des Putsches festgenommen worden. Als Grund für den Umsturz nannten die Generäle angeblichen Wahlbetrug bei den Parlamentswahlen im November. Die NLD hatte die Abstimmung klar gewonnen, die Partei der Militärs war unterlegen. 

          „Familienmitglieder werden ohne Informationen zu den Vorwürfen, den Aufenthaltsort oder den Zustand ihrer Angehörigen zurückgelassen“, teilte die AAPP mit. Dies seien keine Einzelfälle, die nächtlichen Razzien richteten sich gezielt gegen Menschen, die den Putsch ablehnten. „Dies geschieht im ganzen Land.“ Die Militärmachthaber äußerten sich nicht dazu.

          In einer Dringlichkeitssitzung am Freitag hatte der UN-Menschenrechtsrat die Freilassung aller „willkürlich Inhaftierten“ sowie die Rückübertragung der Macht an Suu Kyi gefordert. Die Vereinigten Staaten haben mittlerweile erste Sanktionen gegen drei mit der Armee verbundenen Unternehmen sowie zehn der ranghöchsten Militärs verhängt, allen voran Putschistenführer und Juntachef Min Aung Hlaing. 

          Eine von Myanmars Junta am Freitag verkündete Gefangenen-Amnestie bezeichneten Kritiker als keinen Grund zur Entwarnung, im Gegenteil: Unter den knapp 23.370 Freigelassenen hätten sich bisherigen Berichten zufolge nur eine Handvoll politischer Häftlinge befunden, erklärte die AAPP. Es bestehe echte Sorge, dass die Amnestie genutzt werde, um in Haftanstalten mehr Platz für politische Gefangene zu schaffen.

          Facebook-Zensur umgangen

          Die zahlreichen Festnahmen schürten die Wut der Demonstranten. Im Internet kursierten Videos, die weitere Festnahmen von Regierungskritikern zeigte, wie etwa ein Arzt, der an der Protestbewegung des zivilen Ungehorsams teilgenommen hatte. „Unsere Nächte sind nicht mehr sicher“ und „Das Militär von Myanmar entführt Menschen in der Nacht“ stand als Überschrift zu den Videos in den sozialen Medien. In der Stadt Pathein stürmte eine Gruppe Demonstranten ein Krankenhaus, nachdem Gerüchte die Runde gemacht hatten, wonach ein dort arbeitender Arzt festgenommen werden sollte. 

          Videoansprache des myanmarischen Militärchefs Min Aung Hlaing am 11. Februar
          Videoansprache des myanmarischen Militärchefs Min Aung Hlaing am 11. Februar : Bild: AP

          In Yangon gelang es Aktivisten, die Facebook-Zensur der Militärführung zu umgehen und in verschiedenen Vierteln Proteste gegen bevorstehende Festnahmen zu organisieren. Wie schon in den vergangenen Tagen versammelten sich vor mehreren Gebäuden Menschen zum lauten Protest mit Pfannen und Töpfen. Der Lärm, der dabei erzeugt wird, wird in Südostasien traditionell mit der Vertreibung des Bösen in Verbindung gebracht.

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          Später gingen wieder Zehntausende Menschen in Yangon auf die Straße. Der Verkehr in der Metropole kam zum Erliegen, als zahlreiche Fahrzeuge anhielten und fünf Minuten lang hupten. Bereits am Freitag hatten Studenten in der Hafenstadt Mawlamyine einen Sitzstreik abgehalten, den die Polizei unter dem Einsatz von Gummigeschossen auflöste. Mehrere Demonstranten wurden verletzt, neun vorübergehend festgenommen.

          Staatsmedienberichten zufolge hatte es am Freitag in mehreren Landesteilen auch Gegendemonstrationen von Unterstützern des Militärs gegeben. Die zitierten Teilnehmerzahlen erreichten jedoch bei weitem nicht die Größe der Oppositionsproteste, an denen sich im Laufe der Woche Hunderttausende Menschen beteiligt hatten. 

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