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Militärmusikcorps in Kabul : Musik aus der Seele Afghanistans

Wie die Afghanen sich durch den Alltag wursteln, so wursteln sich die Mitglieder des Musikcorps der afghanischen Armee durch ihre Märsche. Es scheppert und klirrt, und nur selten ist eine Melodie herauszuhören. Das sind die Momente der Hoffnung für Afghanistan.

          6 Min.

          Das vierviertelgetaktete Dschingderassabumm artet in ein diffuses Rumpeln aus. Es knarzt und scheppert. Melodielinien der Bläser verheddern sich in einem elefantösen Getöse, das abebbt und sich dann schlingernd und ächzend in ein furioses und hinreißend schiefes Finale rettet. Der musikalische Leiter dirigiert das Durcheinander wie ein Feldherr. Die Marseillaise auf Afghanisch.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Ein Rockmusikkritiker würde diese Klänge womöglich mit Ausdrücken wie „verbrannte Erde“ oder „fiebrig“ beschreiben. Er würde das übrigens ganz und gar positiv meinen. Aber hier geht es um Militärmusik. Und weil in der Militärmusik Ordnung herrschen muss, gibt es Männer wie Oberst Mohammad Alam Kohistany, Kommandeur des afghanischen Militärmusikcorps in Kabul. Ein Mann, der seine Musiker schon viele Jahre lang mit väterlicher Strenge anführt. Musizieren von halb acht bis zehn, Pause bis halb elf, Musizieren bis um zwölf, eine Stunde Mittagspause, am Nachmittag wieder Musizieren, Dienstschluss um vier.

          Putz rieselt von der Wand

          Der Oberst liebt die Musik, schließlich hat er neben Politik und Englisch auch Musik studiert, und er spielt Querflöte. Wenn er am Abend Zeit hat, setzt er sich zu Hause hin und musiziert für die Familie. Seine Männer spielen, wenn das Verteidigungsministerium sie ruft, bei Paraden und Staatsempfängen, für Präsidenten, Ministerpräsidenten, Minister, Diplomaten und Militärs.

          Nur für wenige Momente wird aus den Tönen eine Melodie

          An diesem Tag empfängt Oberst Kohistany deutsche Offiziere. Seine Männer sind im verwitterten Speisesaal angetreten. Das grell einfallende Sonnenlicht zeichnet gestreifte Staubwölkchen in den Raum. Zwei Spatzen sind durch das geöffnete Fenster in den Saal geflogen und ziehen unter der Decke hektische Kreise. Emsig bereiten sich die Musiker auf ihren Auftritt vor. Instrumente werden gestimmt, vergilbte Notenblätter auf den Ständern ausgebreitet. Achtung! Oberst Kohistany gibt den Männern den Befehl zu spielen. Der Dirigent hebt den Taktstock. Klack, klack, klack. Und wie sie dann spielen! Die afghanische Hymne, die deutsche Hymne, die Marseillaise, die amerikanische Hymne, noch einen Marsch für afghanische Patrioten. Noch einen. Und noch einen. Jetzt sind sie in Fahrt. Den Offizier an den Becken hält es nicht mehr auf der Bank, wenn er sein ramponiertes Rhythmusinstrument krachend zusammenfahren lässt. Die Bläser stapeln hochkonzentriert Dissonanzenschichten. Die Basstrommel treibt das stampfende Klangensemble mit wummernden Schlägen an. Der Putz rieselt in ihrem Rhythmus von der Wand.

          „Keine Armee ohne Militärmusik“

          Die deutschen Offiziere stehen bei der deutschen und afghanischen Hymne in Hab-Acht-Stellung und salutieren. Ihnen ist anzusehen, dass die Musik passagenweise durch Mark und Bein geht. Aber am Ende trifft sie direkt ins Herz. Plötzlich erhebt sich einer der Musiker. Major Abdul Qasim Karimi, Saxophonist. Er präsentiert empört sein Instrument. Damit, sagt er, könne man kaum einen geraden Ton erzeugen. „Kein Staat ohne Armee, keine Armee ohne Militärmusik“, wird er später sagen.

          Das Afghanistan dieser Tage ist ein schwacher, dissonanter Staat, und die Armee ist im Aufbaukampf. Wie soll es da schon um die Militärmusik stehen? Wie die Afghanen sich durch den Alltag wursteln - so wursteln sich die Militärmusiker durch ihre Märsche. Es scheppert, klirrt und knirscht, und nur für wenige Momente wird aus den Tönen eine harmonische Melodie. Das sind die Augenblicke der Hoffnung und der Zuversicht.

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