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Militärinspekteure in Slawjansk : Geiseln der Situation

  • -Aktualisiert am

Pressekonferenz im Rathaus von Slawjansk vor sechzig Journalisten Bild: REUTERS

Auf der bizarren Pressekonferenz in Slawjansk redet Separatistenführer Ponomarjow die Journalisten als „liebe Freunde“ an. Einem gefangenen Deutschen klopft er ermunternd auf die Schulter. Freilassen will er zunächst nur den erkrankten Schweden aus der Gruppe der Militärbeobachter.

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          Es dauert eine Weile bis die bizarre Vorführung der gefangenen Militärinspekteure in der verbarrikadierten Stadtverwaltung von Slawjansk beginnen kann. Wjatscheslaw Ponomarjow, der selbst ernannte Bürgermeister der ostukrainischen Stadt, lässt die Männer, die er als Kriegsgefangene bezeichnet hat, in Zweiergruppen von maskierten Helfern in den Saal bringen. Am Ende sitzen hinter dem Tisch mit den Mikrofonen auf der kleinen Bühne acht ernste Männer mittleren Alters in Pullovern und Hemden.

          Es sind drei Bundeswehroffiziere, ein deutscher Dolmetscher und jeweils ein Militärbeobachter aus der Tschechischen Republik, Schweden, Dänemark und Polen. Zumindest den an Diabetes leidenden Schweden lassen die Separatisten wenige Stunden später frei. Reporter beobachten am Abend, wie der Mann das Gebäude in Begleitung von Unterhändlern der OSZE verlässt und in einem weißen Fahrzeug mit dem Schriftzug der Organisation davonfährt.

          Volksbürgermeister Ponomarjow, selbst in einer schwarzen Kapuzenjacke, hatte die Journalisten am Nachmittag in der Stadtverwaltung als „liebe Freunde“ begrüßt und ermunternd auf die Schulter von Oberst Axel Schneider geklopft, der für die Gruppe sprechen soll. Er habe den Offizieren die Gelegenheit geben wollen, direkt mit der Presse zu sprechen, so Ponomarjow. Damit alle seine friedlichen Absichten verstünden.

          „Wir betrachten uns als Gäste“

          Oberst Schneider, ein bärtiger Mann im karierten Hemd, atmet mehrfach tief durch, bevor er sich vorstellt. „Wir sind seit Tagen in dieser Stadt und befinden uns in den Händen des Bürgermeisters“, sagt er dann in englischer Sprache. Der Bürgermeister, hebt Schneider anschließend hervor, beschütze sie. Ponomarjows blickt ihn dabei an. „Wir betrachten uns als seine Gäste.“ Das Wort des Bürgermeisters sei ein Ehrenwort. Sie würden mit dem höchsten Maß an Respekt behandelt, das unter diesen Umständen möglich sei. Zunächst seien sie unter schwierigen Bedingungen in einem Kellerraum untergebracht gewesen, in dem sie sich selbst hätten einrichten müssen. Inzwischen hielten sie sich aber in einem komfortablen Aufenthaltsraum mit Tageslicht und Klimaanlage auf. Für die medizinische Versorgung eines an Diabetes leidenden Mitglieds der Gruppe sei gesorgt.

          Vorgeführt: Wjatscheslaw Ponomarjow (2.v.l.), selbsternannter Bürgermeister von Slawjansk, mit den festgesetzten Militärbeobachtern
          Vorgeführt: Wjatscheslaw Ponomarjow (2.v.l.), selbsternannter Bürgermeister von Slawjansk, mit den festgesetzten Militärbeobachtern : Bild: AP

          Ponomarjow, ein 69 Jahre alter Seifenfabrikant und ehemaliger Militärangehöriger, hält mit einer Gruppe von bewaffneten Männern seit Wochen die Stadt Slawjansk unter seiner Kontrolle. Neben der Verwaltung haben die prorussischen Aktivisten auch die Geheimdienstzentrale und die Polizeiwache besetzt. Sie fordern ein Referendum über den Status ihrer Region. In den vergangenen Tagen hielten Ponomarjows bewaffnete Männer mehrere Journalisten zeitweise fest. Am Samstag hatte der Volksbürgermeister mitgeteilt, dass sich außer den Militärbeobachtern noch „viele weitere Personen“ unter ihrer Kontrolle befänden, auch ukrainische Militärs und Mitglieder der rechtsradikalen ukrainischen Gruppe „Rechter Sektor“. Er deutete an, die Männer gegen prorussische Kameraden austauschen zu wollen, die sich in der Hand der Regierung in Kiew befänden.

          Die Militärinspekteure um Oberst Schneider hielten sich auf einer bilateralen Mission unter Leitung der Bundeswehr auf Einladung der ukrainischen Regierung in der Ostukraine auf. Solche Inspektionen werden unter den OSZE-Staaten selbst vereinbart. Alle Mitgliedstaaten, auch Russland, seien über die Mission informiert gewesen, hebt Schneider bei der Pressekonferenz am Sonntag hervor. Die Mission habe sich streng an das Abkommen von Wien gehalten, ihre Mitglieder genössen diplomatischen Status.

          „Im Kriegszustand“

          Nach den Worten des deutschen Oberst war die Beobachtergruppe am Montag in Kiew eingetroffen, dann mit dem Zug in die östliche Millionenstadt Donezk gefahren und vor dort aus mit einem gemieteten Kleinbus weiter zu ihren Beobachtungstouren. Zunächst hätten sie Fahrten ins Gebiet von Luhansk unternommen, seien jedoch täglich in ein Hotel in Donezk zurückgekehrt. Als sie nördlich von Donezk in Richtung Slawjansk unterwegs gewesen seien, habe man sie völlig überraschend festgehalten. Schneider antwortet auf Nachfrage, dass die Gruppe in ziviler Kleidung unterwegs war, ausgestattet lediglich mit kleinen Kameras und einer Landkarte. Weder Nachrichtsichtgeräte noch Waffen oder sonstige Militärtechnik hätten sie bei sich gehabt. Im Übrigen hätten sie bei ihren Fahrten, von denen sie öffentlich zugängliche Berichte schrieben, keinerlei Militärangehörige gesichtet.

          Ponomarjow rechtfertigt die Festnahme der Inspekteure damit, dass sich Slawjansk „im Kriegszustand“ befinde. Zuvor hatte es geheißen, die Inspekteure würden der Spionage verdächtigt. Sie hätten gelogen und sich als Touristen ausgegeben, hatte Ponomarjow noch am Samstag behauptet. Auf die Frage eines Journalisten, warum er nicht gnädig sei und die Männer freilasse, antwortete der Volksbürgermeister nun ausweichend. „Sie haben sich unrechtmäßig auf unseren Gelände aufgehalten.“ Nun seien sie „Geiseln der Situation“. Auch Oberst Schneider gab zu verstehen, dass sich die Inspekteure als Gefangene der politischen Situation betrachteten.

          Das Angebot des Bürgermeisters, sich bei einer Pressekonferenz zu zeigen, hätten sie gerne angenommen, sagte Schneider inmitten der müde dreinblickenden Mitglieder seiner Mission. Sie hätten ihren Familien zeigen wollen, dass sie in Ordnung seien. Der Auftritt sei nicht als ein Hilferuf zu verstehen, sagte der Oberst. Er vertraue darauf, dass die diplomatischen Kanäle offen seien und über ihre baldige Freilassung verhandelt würde.

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