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Militäreinsatz in Syrien : Kommandoaktion in Assads Hinterhof

Gibt sich entschlossen: Präsident Obama kündigt weitere Luftschläge an. Bild: REUTERS

Amerika bestätigt erstmals einen Militäreinsatz in Syrien. Die geplante Geiselbefreiung, die auch dem Reporter James Foley galt, schlug aber fehl. Rund 20 Journalisten werden noch immer vermisst.

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          Als die Hubschrauber im Dunkel der Nacht mindestens zwei Dutzend Spezialkräfte der amerikanischen Kriegsmarine nahe einer Ölraffinerie auf einem offenbar dünnbesiedelten Gebiet im Norden Syriens ausspuckten, fanden sie keine Geiseln, nur Kämpfer der Terrormiliz „Islamischer Staat“ vor. Während Drohnen und Kampfflugzeuge am Himmel kreisten, erwiderten die amerikanischen Soldaten das Feuer der Dschihadisten, die dort in Stellung lagen. Mehrere Terroristen sollen getötet und ein amerikanischer Soldat verletzt worden sein, berichteten amerikanische Medien am Donnerstag unter Berufung auf Regierungsvertreter. Das Ziel der Mission, die Befreiung der Geiseln, die auf dem Gelände der Ölraffinerie vermutet worden waren, wurde nicht erreicht. Keine Geisel habe sich auf dem Gelände befunden. Die Amerikaner zogen sich zurück. Unter den Geiseln war auch James Foley vermutet worden, jener im November 2012 entführte Fotojournalist, dessen Enthauptung die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ am Dienstag im Internet verbreitet hatte.

          Jochen Stahnke
          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Ein Pentagon-Sprecher sagte, der Angriff sei aus der Luft und am Boden erfolgt und habe ein „bestimmtes Entführernetzwerk innerhalb des ,Islamischen Staates zum Ziel“ gehabt. Die Operation in Syrien sei von Präsident Barack Obama genehmigt worden, sagte die für Heimatschutz zuständige Präsidentenberaterin Lisa Monaco. Es ist die erste amerikanische Kommandoaktion auf syrischem Territorium seit Ausbruch des Bürgerkrieges gegen das Assad-Regime vor drei Jahren, die Washington offiziell bekannt gibt. Wie amerikanische Regierungsvertreter gegenüber der Zeitung „Wall Street Journal“ äußerten, war der syrische Präsident Baschar al Assad über den Einsatz nicht informiert worden. Außenminister John Kerry teilte über den Kurzmitteilungsdienst Twitter mit, Amerika werde den „Islamischen Staat“ „bekämpfen, wo immer er seinen Hass verbreitet“. Ob Kerry damit auch Syrien gemeint hat, wo der „Islamische Staat“ einige Landesteile unter seiner Kontrolle hält, ließ er offen.

          100 Millionen Euro Lösegeld verlangt

          Zu der gescheiterten Befreiungsaktion in Syrien sei es „in diesem Sommer“ gekommen, berichtete die Zeitung „Washington Post“ unter Berufung auf Regierungskreise. Wann und wo genau in Syrien die Kommandoaktion stattgefunden hat, wurde in Washington zunächst nicht mitgeteilt. Auf Vorwürfe von Mitarbeitern des Verteidigungsministeriums, die Bekanntgabe der Mission könne Amerikaner sowie zukünftige Operationen gefährden, entgegnete die Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrats, man habe damit entsprechenden Presseberichten zuvorkommen wollen. Lisa Monaco wollte nicht ausschließen, dass die Vereinigten Staaten weitere Befreiungsversuche durchführen könnten.

          Nach Angaben der Organisation „Komitee zum Schutz von Journalisten“ werden in Syrien rund 20 Journalisten vermisst, von denen sich viele in der Hand des „Islamischen Staates“ befinden. Darunter ist auch der seit Juli 2013 vermisste Journalist Steven Sotloff. Er ist in dem am Dienstag vom „Islamischen Staat“ veröffentlichten Enthauptungsvideo ebenfalls kurz zu sehen. In dem Video hatte der „Islamische Staat“ mit der Tötung Sotloffs und weiterer Amerikaner gedroht, sollten die Luftangriffe fortgesetzt werden. Zuvor allerdings soll der „Islamische Staat“ noch andere Forderungen gestellt haben. Philip Balboni, der Chef der Internetnachrichtenseite „GlobalPost“, für die Foley arbeitete, sagte dem „Wall Street Journal“, die Entführer hätten von ihm und Foleys Familie insgesamt 100 Millionen Euro Lösegeld verlangt. Offenbar wurde das Geld nicht gezahlt. Im Gegensatz etwa zu einigen europäischen Ländern sollen die Vereinigten Staaten auch informell keine Lösegelder an Extremisten zahlen.

          Allein seit der Veröffentlichung des Videos flog die amerikanische Luftwaffe nach Angaben aus dem Verteidigungsministerium mindestens 14 weitere Luftschläge gegen Stellungen des „Islamischen Staats“ im Irak, darunter abermals Positionen in der Nähe des größten irakischen Staudammes bei Mossul. Am Mittwochabend hatte Obama die Terrorgruppe in weit schärferer Form als noch zu Beginn des Jahres als „Krebsgeschwür“ im Nahen Osten bezeichnet, dessen Ausbreitung „unnachgiebig“ verhindert werden müsse. Der „Islamische Staat“ habe „keinen Platz im 21. Jahrhundert“. Obama rief die internationale Gemeinschaft zu einer erweiterten Kampagne zur Vernichtung der Gruppe auf. Gleichzeitig kündigte er die Fortsetzung der Anfang August begonnenen amerikanischen Luftschläge an. Einen längerfristigen und ausgeweiteten Einsatz von Truppen am Boden schließt Obama indes weiterhin aus. Auch ersuchte Obama bislang nicht den Kongress um eine dafür notwendige Autorisierung. Der republikanische frühere Vizepräsident Dick Cheney verlangte am Donnerstag eine Ausweitung der amerikanischen Intervention. Ansonsten sei die Enthauptung Foleys „nur der Anfang“ gewesen.

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