https://www.faz.net/-gpf-9e7ii

Migration übers Mittelmeer : Der große Andrang vor den Herbststürmen

Der Anteil junger Migranten unter den übers Mittelmeehr Geflüchteten wird größer – viele von ihnen werden inzwischen von Spanien und nicht Italien aufgenommen. Bild: EPA

Immer mehr junge Migranten erreichen die spanischen Exklaven in Nordafrika. Spanien nimmt inzwischen mehr Menschen auf als Italien – auch, weil es seine Verpflichtungen erfüllt.

          Die Ankömmlinge werden immer jünger. In der vergangenen Woche landeten an einem einzigen Tag 130 minderjährige Migranten an den spanischen Mittelmeerküsten. Mehr als zehntausend sind schon in Spanien, etwa die Hälfte von ihnen in Andalusien und den spanischen Nordafrika-Exklaven, die die Jugendlichen kaum noch unterbringen können. In Melilla sind es knapp tausend, obwohl es nur 260 Plätze für sie gibt; in Ceuta etwa fünfhundert bei einer Aufnahmeeinrichtung für eigentlich siebzig Personen. Dutzende unbegleitete Kinder leben dort auf den Straßen und versuchen auf eigene Faust, mit einer Fähre aufs Festland zu gelangen.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Als Nothilfe stellt die spanische Regierung jetzt vierzig Millionen Euro zur Verfügung. Rund siebzig Prozent der Minderjährigen kommen aus Marokko und haben eigentlich keine Zukunft in Spanien. Wenn sie volljährig sind, werden sie ausgewiesen – außer sie laufen vorher davon und bleiben illegal im Land. Trotz eines Rücknahmeabkommens mit Marokko wurden bisher praktisch keine Kinder zu ihren Familien zurückgeschickt. Immer mehr Marokkaner sind unter den Migranten, die seit Anfang September wieder in größerer Zahl in Spanien landen. Zuletzt hatte der Zustrom leicht abgenommen: Im August kamen 5600, im Juli waren es 7800. Obwohl die Regierung mit der Hilfe des Militärs die Aufnahmelager ausgebaut hat, reichen die 5300 Plätze auch für die erwachsenen Migranten nicht aus.

          Spanien nimmt Großteil der Migranten selbst auf

          Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) kamen bis Anfang September mehr als 35.000 Menschen auf dem Seeweg und über die Grenzzäune der Nordafrika-Exklaven Ceuta und Melilla nach Spanien; im Jahr 2017 waren es insgesamt gut 28.000 – und vor den Herbststürmen machen sich wieder mehr auf den Weg: Am Montag waren es an einem einzigen Tag mehr als sechshundert, seit Monatsbeginn waren es schon mehr als zweitausend.

          Spanien nimmt mittlerweile 42 Prozent aller Migranten in der EU auf und hat damit Italien abgelöst. Eine Verlagerung der Hauptroute aus Libyen ins westliche Mittelmeer halten Fachleute des „Mixed Migration Centre“ für „mehr Mythos als Realität“. Das zeige ein Blick auf die beiden wichtigsten Herkunftsländer der Flüchtlinge, die bisher in Italien landeten, heißt es in einem vor wenigen Tagen veröffentlichten Bericht der Organisation, die internationale Daten auswertet und eigene Beobachter in Afrika hat: Nigerianer und Eritreer stellten dort in den Jahren 2015 und 2016 mit jeweils etwa 50.000 Menschen die größten Gruppen. Inzwischen ist ihre Zahl um 66 Prozent zurückgegangen. In der ersten Hälfte dieses Jahres waren es weniger als dreitausend. Auch die früher hohe Zahl der Migranten aus Somalia und Bangladesch nahm ähnlich stark ab. Dieser Rückgang bedeutete jedoch nicht, dass diese sich jetzt statt nach Italien nach Spanien auf den Weg machen. Dort kamen auf dem Seeweg keine Migranten aus Eritrea, Bangladesch und Somalia an.

          Regierungswechsel in Spanien verstärkt Migration

          Westafrikaner nutzen dagegen verstärkt die Route über das westliche Mittelmeer, wie das „Mixed Migration Centre“ erläutert. Bis 2017 versuchten 91 Prozent der Migranten aus Guinea, Mali, Gambia, Senegal und der Elfenbeinküste über Italien in die EU einzureisen. In diesem Jahr taten das 76 Prozent über Spanien. Für die jüngsten Veränderungen auf den beiden Hauptrouten nennen die Fachleute eine gemeinsame Ursache: Die EU verhandelt mit den Regierungen in Nordafrika, um sie davon zu überzeugen, Migranten daran zu hindern, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen.

          Zuletzt wurden in Libyen die Sicherheitskräfte aktiver und stoppten Boote nach Italien, das sich immer mehr abschottet. Mittlerweile haben Spanien und die EU ihre Kontakte nach Tunesien und Marokko ausgebaut und stellen dort für den Grenzschutz mehr Geld bereit. Das marokkanische Innenministerium teilte mit, die Polizei habe 54.000 Menschen an der Überfahrt gehindert und 1900 Boote beschlagnahmt. Organisationen wie Amnesty International und die marokkanische Menschenrechtsvereinigung kritisieren, dass die marokkanischen Behörden afrikanische Migranten gewaltsam von der Mittelmeerküste in den Süden des Landes bringen. Dabei sollen im August zwei Malier ums Leben gekommen sein.

          In Spanien nimmt die Zahl der Flüchtlinge und Migranten auch aus einem anderen Grund zu. Die sozialistische Minderheitsregierung kommt den Verpflichtungen nach, die ihre konservativen Vorgänger nicht erfüllt hatten. Bis zum Jahresende will Spanien tausend Flüchtlinge aufnehmen, die in Lagern in Jordanien leben. Vor drei Jahren hatte sich Spanien gegenüber seinen EU-Partnern verpflichtet, mehr als 19.000 Flüchtlinge aus Lagern in Italien und Griechenland aufzunehmen. Bisher waren es aber nur 12 Prozent. Zugleich bleiben mehr Migranten im Land. Bisher zog ein großer Teil der Migranten bald in den Norden Europas weiter. Doch die französische Grenzpolizei hat ihre Kontrollen verstärkt. Spanische Hilfsorganisationen berichten, dass die Beamten an der Grenze zwischen Irún und Hendaye in diesem Jahr schon mehr als dreitausend Migranten nach Spanien zurückgeschickt hätten, die meisten von ihnen waren Afrikaner.

          Weitere Themen

          Retten will gelernt sein

          Logbuch der Alan Kurdi (1) : Retten will gelernt sein

          Wie sieht die Situation für Retter und Flüchtende derzeit auf dem Mittelmeer aus? FAZ.NET-Redakteurin Julia Anton begleitet die „Alan Kurdi“ bei ihrer vierten Mission. Im Logbuch berichtet sie regelmäßig von den Ereignissen an Bord des Schiffes.

          Mexikanische Nationalgarde fängt Flüchtlinge ab Video-Seite öffnen

          Trumps Druck zeigt Wirkung : Mexikanische Nationalgarde fängt Flüchtlinge ab

          Dramatische Szenen an Mexikos Grenze: Flüchtlinge aus Zentralamerika versuchen, den Rio Bravo zu überqueren und in die Vereinigten Staaten zu kommen, werden aber von mexikanischen Nationalgardisten abgefangen. Der Druck von Präsident Trump hat Wirkung gezeigt: Mexiko will mit fast 15.000 Polizisten und Soldaten an seiner Nordgrenze die ungeregelte Einwanderung nach Nordamerika bremsen.

          Topmeldungen

          Charismatisch und skrupellos : Was will Boris Johnson?

          Er ist Held der englischen Nationalisten und Favorit für den Vorsitz der Konservativen. Einen echten Plan für den Brexit hat der begabte Scharlatan noch immer nicht.

          Abgrenzung von der AfD : Das Ende eines Ausflugs

          Die Union besinnt sich endgültig wieder auf die Erkenntnis, dass sie mit einer Wendung nach rechts weniger Zustimmung zurückgewinnt, als sie in der Mitte verliert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.