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Migration : „Niemand sagt, daß ihr nicht mehr ausreisen dürft“

Bild: F.A.Z.

Afrikanische Migranten weichen auf dem Weg nach Europa auf immer gefährlichere Routen aus. Aber immer weniger illegale Einwanderer erreichen die Kanaren. Das liegt auch an dem Bemühen der Europäer, schon an den Küsten Westafrikas abzuschrecken.

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          „Um ein paar Wochen“ sei der Einsatz Mitte Oktober verlängert worden. Genaueres will der Frontex-Sprecher in Warschau nicht verraten - schließlich wolle man die Schlepper nicht auch noch mit Informationen versorgen. So bleibt im Dunkeln, was die Europäer an den Küsten Westafrikas tun, um illegale Einwanderer an der Überfahrt auf die spanischen Kanaren zu hindern.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Viel zu verbergen gibt es eigentlich nicht, denn die „Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen“ (Frontex) erhält nicht viel Unterstützung aus Europa; allenfalls von Spanien, das aus eigenem Interesse den Zustrom auf sein Staatsgebiet stoppen will. In Dakar ist daher von einem „Vakuum“ vor den Küsten die Rede. So hätten mittlerweile die Italiener das Schiff und das Flugzeug schon wieder abgezogen, das den Senegalesen bei der Überwachung der Küsten helfen sollte. Das portugiesische Schiff, das die Küsten der Kapverden im Blick behalten soll, hat angeblich noch kein einziges Migrantenboot aufgebracht. Und unklar ist, was aus dem Flugzeug wurde, das Finnland Frontex versprach.

          „Es liegt nicht nur am Wetter“

          Dennoch hat die Zahl der Ankömmlinge auf den Kanaren im Oktober abgenommen. Etwas mehr als 1200 waren es im vergangenen Monat, verglichen mit mehr als 5000 im August. Das hat zunächst einen einfachen Grund: Wegen des nahenden Winters ist die See unruhig und eine Überfahrt schwieriger geworden. „Es liegt nicht nur am Wetter. Der Frontex-Einsatz hat sicher auch abschreckend auf die Schmuggler gewirkt, die fürchten, den Passagieren den Fahrpreis zurückzahlen zu müssen. Auch die Rückführung illegaler Migranten hatte einen Effekt“, vermutet Antonio Mazzitelli von der Außenstelle des UN-Büros für Drogenkontrolle und Verbrechensbekämpfung (Undoc) in Dakar.

          „Rückgeführte” Senegalesen nach ihrer Ankunft in Saint Louis

          Aber für nicht weniger wichtig hält er, daß mittlerweile geeignete Boote knapp sind: Die meisten kehren nicht von ihrer gefährlichen Reise zurück - entweder sinken sie unterwegs oder werden nach der Ankunft auf den Kanaren zerstört. Die senegalesischen Zimmermänner, die die hölzernen Pirogen bauen, seien daher an der ganzen Küste sehr gefragt, auch in den südlichen Nachbarländern, sagt Mazzitelli.

          Afrikaner und Asiaten, die ohne gültige Papiere nach Europa kommen wollen, weichen seit Monaten immer weiter in den Süden aus: Nachdem die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla abgeriegelt worden waren, brachen sie statt von Marokko von Mauretanien aus auf; im Frühjahr wichen sie dann nach Senegal und mittlerweile nach Gambia und bis nach Guinea aus. Vor wenigen Tagen wurden etwa in Guinea-Bissau tausend Asiaten festgenommen, die - ohne gültige Visa - auf ihre Weiterreise in Richtung Europa warteten. Die Einreiseformalitäten sind für sie in Guinea kein Problem, die Ausreise von einem einsamen Strand aus auch nicht. Aber je weiter im Süden die Überfahrt beginnt, desto länger und gefährlicher wird sie.

          Manche ziehen nach wie vor den Landweg vor

          Um in der Nähe der Küsten Senegals oder Mauretaniens von der Küstenwache oder Frontex-Patrouillen nicht aufgegriffen zu werden, steuern viele Boote erst einmal mehrere hundert Kilometer auf die offene See hinaus - mit dem Risiko, daß die Westströmung des Atlantiks die schwach motorisierten Schiffe erfaßt und sie vom Kurs abbringt. Draußen auf dem Meer warten offenbar in einigen Fällen auch größere, hochseetaugliche Schiffe, um die Reisenden in die Nähe der Kanaren zu bringen, wo sie dann in kleinere Boote umsteigen. Andere scheinen sich etappenweise die westafrikanische Küste Richtung Norden hinaufzupirschen. Dabei meiden sie jetzt größere Städte wie Dakar. Im Frühjahr waren die buntbemalten Fischerpirogen von dort noch ohne große Geheimhaltung aufgebrochen.

          Manche ziehen nach wie vor den Landweg vor. Sie hoffen, erst von Mauretanien oder der marokkanisch besetzten Westsahara aus per Schiff an ihr Ziel zu kommen. Denn von dort aus sind es nur rund hundert Kilometer bis zu den Kanaren. In der Nähe der Hafenstadt Dahkla in der Westsahara hinderte die Polizei erst vor wenigen Tagen 111 Afrikaner daran, ein Boot zu besteigen, um zu den spanischen Inseln aufzubrechen. In Mauretanien werden zudem noch viele Afrikaner vermutet, die ihre Auswanderungspläne nur aufgeschoben haben. Senegalesen finden bei senegalesischen Fischern Unterschlupf, die sich dort legal aufhalten, wie es heißt.

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