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Migration nach Europa : Dramatische Schicksale oder Legenden?

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Auf dem Weg nach Spanien hat die Küstenwache diesen Afrikaner aufgegriffen Bild: AFP

Tausende „Papierlose“ kommen mit so genannten Cayucos aus Afrika nach Spanien. Doch Madrid hat seine Abschiebepolitik verschärft. Für die Schleuser ist die Verzweiflung der afrikanischen Einwanderer dennoch ein lukratives Geschäft.

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          Die Schauermeldungen aus dem westlichen Mittelmeer und dem Atlantik um die Kanaren klingen wegen der ständigen Wiederholung für viele Spanier schon wie der Wetterbericht. Stets kommen darin die Wörter „Schwarzafrikaner“ und „Hungergürtel südlich der Sahara“ vor, weiterhin „ertrunken“, „vermisst“, „tot über Bord geworfen“.

          Die Migrantenschicksale erregen erst dann größeres Aufsehen, wenn wieder ein besonders krasser Fall bekannt wird. So war es zu Beginn dieser Woche, als ein spanisches Linienschiff zwischen Melilla und Málaga 25 „Papierlose“ in höchster Not aus einem sinkenden „Cayuco“ rettete. 21 von ihnen kauerten in dem Boot, vier klammerten sich im Wasser an die Bordwand. Mehr als 20 Gefährten, hieß es, seien zuvor gestorben und hätten in der Straße von Gibraltar ein nasses Grab gefunden. Eine Frau gab nach der Landung in Málaga an, sie habe ihren Mann und drei Kinder verloren, darunter einen Säugling.

          Dramatisches Schicksal oder Schutzbehauptung?

          Spanien ist neben Italien und auch Malta, vor dessen Küste in dieser Woche vermutlich 70 Somalier und Eritreer ums Leben gekommen sind, unverändert das Hauptziel der Auswanderer aus dem Maghreb und Schwarzafrika. Aus dem von der marokkanischen Küste aus gestarteten Boot wurden 20 Erwachsene und fünf Minderjährige gerettet. Sie hatten keine Ausweise vorzuzeigen, gaben aber an, aus Ruanda, Tschad, Äthiopien, Kenia und sogar Südafrika zu stammen. Die Erwachsenen werden mittlerweile von den spanischen Behörden verhältnismäßig schnell wieder in ihre Heimat abgeschoben. Die Jugendlichen bleiben in der Obhut des Sozialamtes, in diesem Fall der Regionalverwaltung Andalusiens.

          Die Flüchtlinge kommen mit Cayuco-Booten und werden meist von der spanischen Küstenwache gerettet

          Schon am Dienstag war in den Zeitungen von der Ankunft weiterer 40 schwarzafrikanischer Emigranten in Almería die Rede, darunter zwei schwangeren Frauen und sechs Kleinkindern. An der Tragödie vom Montag kamen unterdessen plötzlich Zweifel auf. Hatte etwa sogar die angeblich untröstliche Mutter nicht die Wahrheit gesagt? War gar kein Leichnam über Bord geworfen worden?

          Außerordentliche Bleibeerlaubnis wider allen Restriktionen

          Die Überlebenden, die wegen eines kaputten Ruders drei Tage auf hoher See im Kreis gefahren waren, wirkten auf die Helfer des Roten Kreuzes „erstaunlich frisch“. Ihre Auskünfte über das Geschehene waren außerdem widersprüchlich. Sogleich wurde der Verdacht laut, dass es sich bei den Toten um eine Schutzbehauptung handeln könnte. Denn die spanische Regierung hatte in diesem Sommer wider allen neuen Restriktionen für illegale Einwanderer mehrfach den Überlebenden von Unglücksbooten eine außerordentliche Bleibeerlaubnis erteilt. Wie jede Änderung der Politik, der Gesetze und der Praxis in Madrid, hat sich auch dies in Windeseile bei den afrikanischen Nachbarn herumgesprochen.

          Seit vor vier Jahren in den nordafrikanischen Enklaven Ceuta und Melilla Tausende von Migranten gegen die spanischen Grenzzäune stürmten und Menschenhändlerbanden als Organisatoren von teuren Bootsüberfahrten auf die Kanarischen Inseln, an die andalusischen Küsten und sogar auf die Balearen aus der Verzweiflung ein lukratives Geschäft zu machen verstanden, hat die Regierung des sozialistischen Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero schrittweise den Kurs einer einstmals in Europa einzigartig liberalen Einwanderungspolitik geändert.

          Längere, teurere und riskantere Ausweichrouten

          Die große, von anderen EU-Partnern kritisierte Amnestie, die im Jahr 2005 nahezu eine Million Ausländer „legalisierte“, wich dem Versprechen, derlei nicht zu wiederholen. Spanien, das sich während der goldenen Jahre eines – im Vergleich zum restlichen Europa antizyklischen – Wirtschaftsbooms mit mehr als einer halben Million legaler und illegaler Neuankömmlinge im Jahr zum attraktivsten Einwanderungsland des Kontinents gewandelt hatte, sah sich jetzt gezwungen zu bremsen.

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