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Migration nach Amerika : „Die Vereinigten Staaten haben keine klare Linie“

  • -Aktualisiert am

Migranten aus Mittelamerika machen sich auf den Weg zu der Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko. Bild: dpa

„Fluchtursachen bekämpfen“ ist ein Mantra vieler Politiker. Doch was bedeutet das genau und was geschieht, wenn Donald Trump Finanzhilfen streicht? Das erklärt Politikwissenschaftler und Mittelamerika-Fachmann Günther Maihold im FAZ.NET-Interview.

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          Die Vereinigten Staaten haben Honduras, El Salvador und Guatemala die Hilfszahlungen gestrichen, weil Präsident Trump den drei mittelamerikanischen Ländern vorwirft, nicht genug gegen die Migrationsbewegung nach Norden zu unternehmen. Ist an der Kritik was dran?

          Es wäre etwas dran, wenn es allein in der Hand dieser Länder läge, das Problem der Migration zu lösen. Dem ist aber nicht so. Seit Jahrzehnten wandern Menschen von Zentralamerika in die Vereinigten Staaten. Das liegt daran, dass es dort de facto einen regionalen Arbeitsmarkt gibt. Die Arbeitsmärkte Zentralamerikas und teilweise auch Mexikos hatten immer einen komplementären Charakter zu dem der Vereinigten Staaten. Gerade in der landwirtschaftlichen Produktion, zum Beispiel für den Anbau von Tomaten und Erdbeeren, haben die Vereinigten Staaten nach Bedarf immer wieder Arbeiter von dort angeworben. Daraufhin sind vor allem Einzelpersonen in die Vereinigten Staaten eingewandert. Viele von ihnen sind inzwischen dort ansässig und versuchen Familienangehörige nachzuziehen. Allein durch die Familienzusammenführung ergibt sich daher ein logischer Fluss von Personen.

          Nun werden die Migranten aber nicht nur von den Vereinigten Staaten angezogen, sondern auch aus ihren Heimatländern herausgetrieben. Schließlich reden wir hier von einer Fluchtbewegung, oder?

          Es gibt immer Push- und Pull-Faktoren. Der Pull-Faktor ist eben der Nachfrage-Sog, der von den Vereinigten Staaten in bestimmten Konjunkturen immer wieder ausgegangen ist. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch Push-Faktoren. Diese liegen zum einen in den wirtschaftlichen Verhältnissen der Herkunftsländer. Es gibt unzureichende Arbeitsplatzangebote für eine noch immer wachsende Bevölkerung. Dadurch entsteht das Phänomen der chancenlosen Jugend. Zum anderen treiben die schwierigen Lebensbedingungen die Menschen fort. Die organisierte Kriminalität, die schwache Staatlichkeit und die Straflosigkeit machen es bestimmten Bevölkerungsgruppen sehr schwer, in geordneten Verhältnissen zu leben und ihre Zukunft zu gestalten.

          Günther Maihold ist Stellvertretender Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik

          Was müsste also geschehen, um die Flucht aus den Ländern einzudämmen?

          Fluchtursachen bekämpfen ist ein sehr schwieriges und langwieriges Geschäft. Es müsste eine Wirtschaft aufgebaut werden, die Arbeitskräfte aufnehmen kann. Bisher hat man es hier vor allem mit der sogenannten Lohnveredelungsindustrie, vor allem im Textilbereich, versucht. Dadurch, dass viele Produzenten mit der Zeit nach China abgewandert sind, weil die Arbeitskräfte dort billiger sind, ist diese Industrie in eine Krise geraten. Neben der Schaffung von Arbeitsplätzen müsste außerdem eine Zukunftsperspektive geschaffen werden – sowohl für die Arbeitnehmer, beispielsweise durch berufliche Weiterbildung, als auch international durch das Aufsteigen in den Wertschöpfungsketten. Drittens brauchen die Länder einen funktionierenden Staat, der in der Lage ist, die Grundbedürfnisse der Bevölkerung zu erfüllen, gerade was die Sicherheit angeht. Der Staat muss die Kriminalität, ob durch Jugendbanden oder Drogengeschäfte, eindämmen, um für die Bevölkerung berechenbare Lebensverhältnisse herzustellen.

          Die amerikanische Regierung hatte eigentlich eine Strategie mit den zentralamerikanischen Ländern entwickelt, um die Migration von dort einzudämmen. Nun hat die amerikanische Politik eine Kehrtwende gemacht. Wird das Honduras, El Salvador und Guatemala stark beeinflussen?

          Sicherlich ist das für die angedachten Programme eine heftige Einschränkung. Wir müssen uns aber auch darüber im Klaren sein, dass dahinter letztlich die Frage steht, wie die Vereinigten Staaten sich mittelfristig zu den betroffenen Ländern stellen wollen. Sind sie der Auffassung, dass eine Mauer in Mexiko oder die verstärkte Überwachung der südmexikanischen Grenze geeignete Instrumente sind um das Problem zu beseitigen? Oder übernehmen sie Verantwortung als großer Nachbar und legen entsprechende Programme auf, die es den Ländern gestatten könnten, eine neue Lebensqualität für ihre Bevölkerung zu schaffen?

          Für Honduras, El Salvador und Guatemala scheint die Situation schwierig. Einerseits sollen sie Fluchtursachen bekämpfen, gleichzeitig werden ihnen aber wichtige Hilfszahlungen von den Vereinigten Staaten gestrichen. Ist das nicht kontraproduktiv?

          Ja, natürlich. Solche einseitigen Maßnahmen sind kaum geeignet, um Migrationsflüsse kurzfristig effektiv einzudämmen. Für die Migranten ist es schließlich eine Lebensentscheidung, ihre Familien zurückzulassen und sich auf den durchaus gefahrvollen Weg in Richtung der amerikanischen Grenze zu begeben. Solche Entscheidungen lassen sich nicht von einem Tag auf den anderen umkehren. Außerdem betreiben die Vereinigten Staaten seit Monaten eine „Stop and go“-Politik: Erst sagen sie den Ländern Hilfszahlungen zu, dann streichen sie diese wieder. Dadurch, dass keine klare politische Linie erkennbar ist, spitzt sich das Phänomen der Migration eher noch zu. Bei vielen Leuten entsteht der Eindruck, man müsse jetzt noch schnell den Versuch wagen, in die Vereinigten Staaten zu kommen, bevor sich die Situation noch weiter verkompliziert.

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