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Migranten in Griechenland : Streiks, Proteste, alltägliche Gewalt

Migrantin im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos Bild: EPA

Die Lage auf den griechischen Inseln wird immer dramatischer. Die Migrantenlager sind überfüllt – und der Widerstand der Bevölkerung gegen weitere Camps wächst.

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          Die Lage auf den griechischen Inseln vor der türkischen Küste verschärft sich täglich: In den vollkommen überfüllten Migrantenlagern auf Lesbos, Samos, Chios und Leros ist Gewalt buchstäblich alltäglich geworden, während außerhalb davon die Kritik der griechischen Anwohner an einer als unfähig empfundenen Regierung in Athen wächst. Am Mittwoch kam es auf den betroffenen ägäischen Inseln zu einer Art Warnstreik: Die lokalen Behörden blieben ebenso geschlossen wie viele Geschäfte. Die Proteste richten sich gegen Pläne der Regierung von Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis, auf den Inseln weitere (geschlossene) Lager für Migranten zu errichten.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Nach Darstellung der Wortführer der Proteste werde die Errichtung zusätzlicher Aufnahmestätten nur dazu führen, dass noch mehr Migranten sich von der türkischen Küste aus auf den Weg machen, sodass auch die neuen Lager bald vor ähnlichen Schwierigkeiten stünden wie die bestehenden, nur in noch größerem Umfang als bisher. Die Streikenden fordern stattdessen, die Regierung solle Migranten unmittelbar nach deren Registrierung auf das griechische Festland bringen, wie es vereinzelt in den vergangenen Monaten zur Entlastung der Inseln auch schon geschehen ist. Allerdings herrscht am Festland in Orten, in deren Nähe ebenfalls neue Lager errichtet werden sollen, eine ähnliche Stimmung wie auf den Inseln. Die Deutsche Presseagentur zitierte Giorgos Stantzos, den Inselbürgermeister des Hauptortes auf Samos, mit der für die allgemeine Stimmung charakteristischen Aussage: „Wir können diese Situation in unserer Kleinstadt nicht mehr ertragen. Wir haben auch Menschenrechte.“

          Während die Unzufriedenheit in der griechischen Wählerschaft steigt, was sich zumindest partiell auch schon in Meinungsumfragen zeigt, wächst die Gewalt in den Lagern, wo viele Menschen unter elenden Bedingungen zu hausen gezwungen sind. Zu Messerstechereien und ähnlichen Gewaltausbrüchen kommt es täglich. In dem Lager Moria auf Lesbos wurden in diesem Monat bereits mehrere Migranten von anderen Migranten getötet sowie Dutzende verletzt. Ein 20 Jahre alter Migrant aus dem Jemen wurde dieser Tage im Streit erstochen. Über den oder die Täter gab die Polizei zunächst nichts Näheres bekannt. Kurz zuvor war ein Kongolese im gleichen Alter im Krankenhaus seinen Stichverletzungen erlegen, die ihm ein Afghane zugefügt hatte. Ein siebzehn Jahre altes afghanisches Mädchen wird im Krankenhaus behandelt, nachdem ein drei Jahre älterer Landsmann sie ebenfalls mit einem Messer angegriffen hatte.

          Oft entsteht die Gewalt aus Nichtigkeiten, etwa einem Streit um Zugang zu den raren Ladestationen für Mobiltelefone. In den überfüllten Lagern und in den Zeltsiedlungen ihrer Umgebung gibt es viele Umstände, die zur allgemeinen Aggression beitragen: mangelnde Waschgelegenheiten und Gesundheitsfürsorge, feuchtkalte Unterkünfte sowie, über allem schwebend, die Ungewissheit über das weitere Schicksal. Die griechische Regierung hat versprochen, parallel zur Errichtung neuer Lager Kapazitäten für die schnellere Bearbeitung von Asylanträgen aufzubauen. Bisher ist aber nicht absehbar, wann und wie genau das geschehen soll, sodass der Rückstau unbearbeiteter Fälle immer weiter wächst.

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