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Migranten auf dem Mittelmeer : Europas Dilemma

Die Hülle des Schlauchbootes, von der die „Alan Kurdi“ die Geflüchteten rettete, treibt auf dem Mittelmeer. Bild: dpa

Es ist nicht nur ein Akt der Menschlichkeit, sondern eine Rechtspflicht, in Seenot geratene Personen zu retten. Doch was ist zu tun, wenn Migranten sich vorsätzlich in Seenot begeben oder gebracht werden?

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          Man braucht kein Prophet zu sein um sich auszumalen, dass die jüngsten Irrfahrten der „Sea-Watch 3“ und nun der „Alan Kurdi“ nicht die letzten sein werden – und dass das Sterben auf dem Mittelmeer so schnell kein Ende nehmen wird. Denn jede Nachricht vom Untergang eines Schlauchbootes stürzt nicht die Schlepper und deren Hintermänner in Libyen oder sonst wo an der Mittelmeerküste von der Türkei bis Marokko in ein moralisches Dilemma, sondern die Europäer, zumindest jene unter ihnen, die sich ob der schier unlösbaren Zielkonflikte nicht längst in Resignation oder in hemmungslose Fremdenfeindlichkeit geflüchtet haben.

          Es ist nicht nur ein Akt der Menschlichkeit, sondern eine Rechtspflicht, in Seenot geratene Personen zu retten. Doch was ist zu tun, wenn Migranten sich vorsätzlich in Seenot begeben oder gebracht werden? Das Geschäftsmodell der Schleuser besteht doch darin, sich ein Recht gefügig zu machen, bei dessen Kodifizierung an eine Migrationsdynamik wie die gegenwärtige nicht zu denken war. Mehr aber noch spielen sie mit den moralischen Intuitionen erheblicher Teile der europäischen Bevölkerungen ein widerwärtiges Spiel: Dass das Mittelmeer zu einem Massengrab geworden ist, wie auch Papst Franziskus nicht müde wird zu beklagen, sollen sich die Europäer zu Herzen nehmen und nicht jene, die Migranten den Weg in ein angeblich besseres Leben ebnen wollen und dabei in Todesgefahr bringen.

          So geht es nun schon seit Beginn der organisierten Rettungsmissionen vor sechs Jahren, ohne dass es gelungen wäre, den Schleusern in Libyen das Handwerk zu legen oder auch nur für menschenwürdige Verhältnisse in den dortigen Lagern zu sorgen. Und selbst dann stellten sich noch immer mehr Fragen als die, auf die es eine einfache Antwort gäbe. Denn die Form der Migration, die wir derzeit beobachten, ist eine, in der die Stärksten und relativ Wohlhabendsten die größten Chancen haben, auch anzukommen – in der Mehrheit sind das junge Männer.

          Wo bleibt in dieser Logik des Überlebens die Not der Frauen, der Familien mit Kindern, der Kranken? Was die Europäer unter dem Stichwort „Resettlement“ in den vergangenen Jahren zu Wege gebracht haben, ist ein Jammer. Und in Deutschland sollten die Kirchen (wie in Italien) mindestens so sehr mit eigenen Mitteln für humanitäre Korridore einstehen als den Schleppern Rettungsschiffe vorfahren zu lassen.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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