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Michelle Obamas Buch : Im Grabenkampf der Identitätspolitik

  • -Aktualisiert am

Michelle Obama bei der Vorstellung ihres Buches in Washington Bild: AP

Die frühere First Lady Michelle Obama ist auf Tour, um ihre Memoiren zu vermarkten. In konservativen Kreisen wird ihr Buch kritisiert, weil es dramatisiere und ein Zerrbild zeichne.

          Einen Tag vor der Präsidentenwahl im November 2016 luden die Demokraten zur Abschlussveranstaltung nach Philadelphia. Zum Wahlkampffinale wurde vor der „Independence Hall“ eine echte Show geboten: Bruce Springsteen und Bon Jovi spielten vor 33.000 Menschen. Sodann traten nacheinander Michelle und Barack Obama sowie Chelsea, Bill und Hillary Clinton auf. Hillary, die kurz darauf die gläserne Decke durchbrechen und als erste Frau ins Oval Office einziehen wollte, ganz am Schluss, gleichsam als Höhepunkt. Es war spät geworden, einige Familien verließen die Veranstaltung, noch während die Kandidatin redete, um den letzten Zug zu erwischen. Auf dem Weg zum Bahnhof schlenderte eine afroamerikanische Familie – Vater, Mutter, Tochter, Sohn – selig über den Bürgersteig. Die Frau blickte auf ihr Smartphone, auf dem der Livestream der Kundgebung lief. Und während Hillary ein letztes Mal die Versammelten bat sicherzustellen, dass auch wirklich alle Verwandten und Bekannten am nächsten Tag zur Wahl gehen, schaute die Frau ihren Mann an und sagte: „Michelle was great“ – Michelle war großartig.

          Ein Satz, der – wie sich 24 Stunden später zeigen sollte – alles auf den Punkt brachte. Die scheidende First Lady hatte geschafft, was Hillary versagt blieb: Sie hatte die Herzen des linksliberalen Amerikas erreicht, spätestens mit ihrer Replik auf Donald Trumps ordinäre Ausfälle: „When they go low, we go high.“ – Wenn die anderen an niedrige Instinkte appellieren, bedeutete das, zeigen wir umso mehr, was Anstand ist.

          Michelle Obama ist nun wieder auf Tour. Und wieder ist es eine große Show. Sie stellt ihre Erinnerungen vor: „Becoming“ lautet der Titel – Großwerden, Wachsen. Auftakt in Chicago vor 14.000 Anhängern mit Oprah Winfrey. Am Samstagabend in Washington mit Barack als Überraschungsgast. Die Eintrittspreise für die Veranstaltungen sind nichts für die arbeitende Bevölkerung, die einst die Kernklientel der Demokraten war.

          Das Buch selbst ist eine Mischung aus Autobiographie über das Großwerden in der damals kleinbürgerlichen South Side Chicagos, Monographie einer Präsidentschaft aus den Augen eines teilnehmenden Beobachters, soziologische Studie über Schwarz und Weiß in Amerika – und ein bisschen Wartezimmerlektüre ist auch dabei: Etwa wenn sie schildert, wie sie sich nach dem Einzug in das neue Eigenheim in Kalorama, dem Prenzlauer Berg der amerikanischen Hauptstadt, zum ersten Mal etwas zu essen zubereitet, ohne dass das Personal sie daran hindern will.

          Eine Spekulation, die seit dem Wahlkampf 2016, spätestens seit der Niederlage Hillarys, immer wieder aufkam, beendet die Autorin jedenfalls: „Ich sage das hier klipp und klar: Ich habe keine Absicht, mich um ein politisches Amt zu bewerben. Nicht jetzt, nicht irgendwann.“ In dem Buch wird deutlich, dass sie Politik im Kern nicht mag – und auch, dass sie weiß, ihre Kandidatur, sosehr sie von einer Hälfte Amerikas herbeigesehnt wird, würde letztlich die Spaltung des Landes vertiefen. Sie wäre für das sogenannte Herzland mindestens so sehr eine Fortsetzung der Präsidentschaft Barack Obamas, wie Hillary Clinton in den Augen der Konservativen eine Fortsetzung ihres Mannes gewesen wäre, obwohl beide ohne Zweifel nie nur Frauen an der Seite ihrer Männer waren.

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