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Michelle Bachelet : Atheistische Kämpfernatur

  • -Aktualisiert am

Erstmals steht eine Frau auf der Bühne der Macht Bild: AP

Sie verkörpere alle „Todsünden Chiles“, sagt Michelle Bachelet über sich selbst. Schon ihr öffentliches Bekenntnis zum Atheismus war ein Wagnis. Dennoch - oder gerade deswegen - wurde die Sozialistin zur ersten Präsidentin Chiles gewählt.

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          Sie verkörpere alle „Todsünden Chiles“, sagt Michelle Bachelet, die neue chilenische Präsidentin, über sich selbst. Sie ist Sozialistin und Atheistin, sie führt nach zwei Trennungen als alleinerziehende Mutter einen Haushalt mit drei Kindern, die sie von zwei Männern hat. Schon das öffentliche Bekenntnis der Konfessionslosigkeit ist in Chile ein Wagnis. In dem Andenstaat gab es bis vor kurzem keine Ehescheidung, und Kinder lediger Mütter oder nicht getaufte Sprößlinge durften in vielen Schulen nicht aufgenommen werden.

          Tatsächlich paßt Frau Bachelets Vita kaum in das von Katholizismus, Traditionsgläubigkeit und Obrigkeitsdenken geprägte Verhaltensschema großer Teile der chilenischen Gesellschaft. Gerade deshalb aber haben sie viele Chilenen gewählt. Sie repräsentiert den Wunsch vor allem der Jüngeren, die überkommenen patriarchalischen Machtstrukturen zu überwinden.

          Symbol für die Verfolgten

          Wie kaum eine andere politische Figur Chiles ist Michelle Bachelet außerdem Symbol für den während der Diktatur der Verfolgung ausgesetzten Teil der Bevölkerung. Ihr Vater, ein Luftwaffengeneral, starb an den Folgen der Folter, die ihm die Schergen der Pinochet-Diktatur zugefügt hatten.

          Michelle Bachelet zeigte sich nach dem Wahlsieg glücklich...
          Michelle Bachelet zeigte sich nach dem Wahlsieg glücklich... : Bild: AP

          Verónica Michelle Bachelet Jeria wurde am 29. September 1951 in Santiago geboren. Sie war Studentenführerin und Mitglied der „Sozialistischen Jugend“. Schon damals verband sich ihre kämpferische Natur mit einem ausgeprägten Hang zur Selbstkontrolle. Sie brauche lange Zeit, um eine Entscheidung zu fällen, aber wenn es soweit ist, könne sie niemand mehr von dem einmal eingeschlagenen Kurs abhalten, heißt es in ihrer Umgebung.

          Studium und Hochzeit in Berlin

          Die Bombardierung des Regierungspalastes „La Moneda“ am Tag des Pinochet-Putschs, dem 11. September 1973, erlebte die Medizinstudentin vom Dach der Medizinischen Fakultät aus. Zusammen mit ihrer Mutter Angela Jeria wurde sie verhaftet und in die „Villa Grimaldi“ gebracht, eines der schlimmsten Sondergefängnisse für politische Gefangene. Nach ihrer Freilassung wenig später gingen beide Frauen ins Exil, zunächst nach Australien, danach in die DDR.

          In Berlin heiratete Michelle Bachelet den chilenischen Architekten Jorge Dávalos. An der Humboldt-Universität setzte sie ihr Medizinstudium fort, das sie 1982, drei Jahre nach ihrer Rückkehr nach Chile, in Santiago als Chirurgin und mit einer Zusatzausbildung zur Kinderärztin abschloß. Nach der Wiederkehr der Demokratie 1990 arbeitete Bachelet zunächst im Gesundheitsministerium. In den neunziger Jahren interessierte sie sich zunehmend für das Verhältnis zwischen der Zivilbevölkerung und dem in Chile noch immer mächtigen Militärapparat. Sie absolvierte in Santiago und Washington Kurse über Militärstrategie. Präsident Ricardo Lagos berief sie 2000 als Gesundheitsministerin ins Kabinett, 2002 wurde sie Verteidigungsministerin.

          Die weltläufig wirkende Bachelet, die fließend Englisch, Deutsch, Französisch und Portugiesisch spricht, erwarb sich mit ihrer aufrechten, zupackenden Wesensart rasch den Respekt der Militärs. In ihrer Amtszeit kam die juristische und moralische Aufarbeitung der von den staatlichen Sicherheitsinstitutionen einst begangenen Menschenrechtsverletzungen entscheidend voran. Die chilenischen Streitkräfte mußten zum ersten Mal in ihrer Geschichte einer Frau als ihrem Vorgesetzten militärische Ehren erweisen. Aber sie konnten es ihr noch verwehren, in Kleid oder Rock ein Kriegsschiff zu betreten. Das wird sich vermutlich ändern, wenn Michelle Bachelet künftig als oberster Befehlshaber in weiblicher Kleidung ein Schiff der Marine zu besuchen beabsichtigt.

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