https://www.faz.net/-gpf-7rx2i

Flugzeugabsturz in der Ukraine : Washington: Keine Beweise für russische Beteiligung

  • Aktualisiert am

Ein prorussischer Separatist an der Absturzstelle Bild: AP

Flug MH17 ist nach Auffassung der Vereinigten Staaten vermutlich aus Versehen von den prorussischen Separatisten abgeschossen worden. Beweise für eine Beteiligung Russlands gebe es nicht. Nach niederländischen Angaben haben die Rebellen bislang nur die Leichen von 200 Opfern übergeben.

          3 Min.

          Der amerikanische Geheimdienst hat nach Regierungsangaben bislang keine Beweise für eine direkte Beteiligung Russlands an dem mutmaßlichen Abschuss eines Passagierflugzeuges in der Ostukraine. Bisherigen Erkenntnissen zufolge sei die Malaysia-Airlines-Maschine von den prorussischen Separatisten mit einer Boden-Luft-Rakete vom Typ SA-11 getroffen worden, teilten Geheimdienstler laut Medienberichten vom Dienstag mit. Die Rebellen hätten aber wahrscheinlich nicht beabsichtigt, die Boeing 777-200 mit 298 Menschen an Bord abzuschießen.

          Eine russische Mitwirkung an dem mutmaßlichen Abschuss ließe sich derzeit nicht bestätigen. Der stellvertretende amerikanische Sicherheitsberater Ben Rhodes sagte dem TV-Sender CNN jedoch, die Vereinigten Staaten untersuchten weiter eingehend, ob es eine „direkte Verbindung“ zu Russland gebe. Unabhängig davon trage Moskau eine Verantwortung, weil es die kremltreuen Separatisten mit Material und Training unterstütze und die instabile Situation in der Ukraine mitverursacht habe. Auch nach dem Flugzeugunglück habe Russland die Hilfe nicht eingestellt. Die Regierung in Moskau hat bestritten, die Separatisten mit Waffen zu versorgen.

          Amerika präsentiert angebliches Beweismaterial

          Dem „Wall Street Journal“ zufolge präsentierten amerikanische Geheimdienstler ausgewählten Reportern am Dienstag zahlreiche Beweise dafür, dass die Flugabwehrrakete aus dem von Separatisten kontrollierten Gebiet abgefeuert worden sei. Moskau habe durch anhaltende Waffenlieferungen an die prorussischen Rebellen und Trainingsmaßnahmen die Bedingungen für diesen Vorfall geschaffen. Die Aufständischen hätten bereits „mehr als ein Dutzend“ Fluggeräte abgeschossen, zitiert die Zeitung aus der Präsentation.

          Malaysische Experten am Absturzort der Passagiermaschine in der Ostukraine

          Niederländische Experten übernahmen den Flugdatenschreiber des abgestürzten Passagierflugzeugs. Vertreter Malaysias hätten ihn am Dienstagabend am Kiewer Flughafen übergeben, teilte das niederländische Außenministerium in Den Haag mit. Die prorussischen Separatisten hatten das Gerät zuvor ausgehändigt. Auf Bitten der Niederlande sollen britische Experten die Flugschreiber im südenglischen Farnborough auswerten. Die Niederlande hatten zuvor die Leitung der internationalen Untersuchung zur Absturzursache von Flug MH17 übernommen, da die meisten Opfer aus dem Land stammen.

          Nur 200 Leichen in Waggons?

          Unklarheit herrschte jedoch darüber, wie viele Leichen in den Waggons waren, mit denen die Opfer nach Charkiw gebracht worden waren. Nach niederländischen Angaben könnten sich darin lediglich die Überreste von 200 Opfern befunden haben. Die Suche nach Opfern müsste dann an der Absturzstelle fortgesetzt werden, zitierte der britische Sender BBC den Forensiker Jan Tuinder. Zunächst hatte es geheißen, die sterblichen Überreste von etwa 250 Menschen und weitere Leichenteile seien in den Waggons.

          Bewaffnete Separatisten führen Vertreter der OSZE zu Wrackteilen des Flugzeugs

          SPD-Chef Sigmar Gabriel kritisierte das Verhalten der Separatisten und des russischen Präsidenten Wladimir Putin nach dem Absturz. „Die Lage ist entsetzlich bis hin dazu, wie mit den Toten umgegangen wurde“. Entsetzlich sei aber auch, „dass die russische Regierung im Grunde tagelang auf Tauchstation war.“ Putins Regierung habe immer wieder Chancen verpasst, den Konflikt zu deeskalieren und zu Verhandlungen zu kommen. „Insofern trägt er mindestens eine indirekte Mitverantwortung für die Eskalation des Konfliktes“, sagte Gabriel mit Blick auf den Kremlchef.

          Die wirtschaftlichen Folgen für den Westen bei Sanktionen gegen Russland seien zweitrangig. „Wenn wir in Europa Krieg und Bürgerkrieg haben, ist die Frage, ob man Sanktionen anwendet, keine Frage der Wirtschaftspolitik. Dann wären wir ja Pfeffersäcke, die nur danach schauen würden, kostet uns das Geld“, meinte Gabriel. „Und wenn das Geld kostet, dann sehen wir dem Sterben der Menschen zu - das können wir nicht machen.“ Ein Waffenstillstand sei nun am wichtigsten.

          Poroschenko lehnt Verhängung von Kriegsrecht ab

          Trotz verlustreicher Gefechte zwischen der Armee und prorussischen Separatisten hat der ukrainische Präsident Petro Poroschenko unterdessen eine Verhängung des Kriegsrechts abermals abgelehnt. „Wer dies fordert, sollte sich der schweren Folgen bewusst sein“, sagte er dem Präsidialamt zufolge am Mittwoch bei einer Sitzung mit Beratern und Fraktionsvorsitzenden in Kiew. Nach der Teilmobilmachung der Bevölkerung sehe er die Streitkräfte kampfbereit. „Außerdem liefert der Internationale Währungsfonds nicht an Länder im Kriegszustand - und wir brauchen das Geld“, sagte der prowestliche Staatschef. Am Dienstag hatten mehrere Abgeordnete abermals das Kriegsrecht gefordert.

          Weitere Themen

          Stabschef Mulvaney bringt Trump in Erklärungsnot

          Ukraine-Affäre : Stabschef Mulvaney bringt Trump in Erklärungsnot

          Der geschäftsführende Stabschef des Weißen Hauses Mulvaney räumt ein: Die amerikanische Regierung hat 400 Millionen Dollar Militärhilfe für die Ukraine zurückgehalten. Seine Erklärung, die er später zurücknimmt, wirft Fragen auf.

          „Eine gute Nachricht“ Video-Seite öffnen

          Merkel zum Brexit-Deal : „Eine gute Nachricht“

          Bei ihrer Ankunft in Brüssel hat Bundeskanzlerin Angela Merkel betont, dass sie besonders erfreut sei, dass irische Premier mit dem Deal zufrieden sei. Die Einigung auf einen neuen Deal sei eine „gute Nachricht“.

          Topmeldungen

          „Erdogans Krieg – wie machtlos ist Europa?“ war das Thema der Sendung von Maybrit Illner.

          TV-Kritik zu „Mabrit Illner“ : Die Härten der Realpolitik

          Der Einmarsch der Türkei in Syrien beherrscht die öffentliche und politische Debatte auch in Deutschland. „Wie machtlos ist Europa?“ fragte Maybrit Illner ihre Gäste und erhielt eine nüchterne Bestandsaufnahme der deutschen Außenpolitik.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.