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Zehn Jahre Drogenkrieg : Mexikos verheerende Bilanz

Soldaten der mexikanische Armee verbrennen im Kampf gegen die Drogenkartelle die Pflanzen eines konfiszierten Marihuana-Feldes. Bild: dpa

Eine Mauer an der Grenze zu Mexiko war Trumps großes Wahlkampfversprechen. Doch gegen die Kriminalität hilft kein Zaun. Amerika sollte lieber den Waffenschmuggel bekämpfen – und die Drogen-Nachfrage eindämmen.

          Außer den Vereinigten Staaten selbst hat kein Land der Welt im Wahlkampf Donald Trumps eine so große Rolle gespielt wie Mexiko. Aus dem Mund des Mannes, der sich damit brüstete, gegen jede Frau übergriffig werden zu können, konnten sich die überwiegend aus dem südlichen Nachbarland Mexiko stammenden Hispanics anhören, sie seien Kriminelle und Vergewaltiger.

          Trump wusste auch genau, wie Amerika wieder groß gemacht werden könne: Abschiebung Millionen Illegaler, Ende oder zumindest Neuverhandlungen des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens Nafta und Bau eines Grenzzauns zwischen der Golfküste und dem Pazifik, um die mexikanischen Drogenkartelle daran zu hindern, Amerika mit Rauschgift jeder Art zu überschwemmen und das Leben der Jugend des Landes zu zerstören.

          Doch wie immer, wenn jemand mit einem Finger auf den anderen zeigt, bleiben mindestens drei, die zurück zeigen. Von der Ausbeutung Millionen Illegaler aus Mexiko und Zentralamerika lebt die amerikanische Bau- und Landwirtschaft nicht schlecht. Die produzierende Industrie stünde ohne die vielen, tief nach Mexiko reichenden Wertschöpfungsketten bei weitem nicht so gut da wie derzeit. Bleibt das Thema Rauschgift: Seit den sechziger Jahren sind die Vereinigten Staaten mit ihren rund 300 Millionen Bürgern der mit Abstand größte und lukrativste Markt für psychoaktive Substanzen jeder Art. Und kein Land hat den Vereinigten Staaten in jüngster Zeit dabei geholfen, so groß zu werden, wie Mexiko.

          Das war nicht immer so. Zwar wurde im Nordwesten Mexikos schon im späten 19. Jahrhundert Schlafmohn und Cannabis angebaut. Aber die Nachfrage war gering, und was seinen Weg nach Kalifornien und Texas fand, interessierte die mexikanischen Politiker nicht – Hauptsache, sie behielten den Überblick und wurden an den Gewinnen beteiligt.

          Die Spielregeln änderten sich nicht, als die Nachfrage nach Heroin und Marihuana in den sechziger und siebziger Jahren die Rauschgiftproduktion in Mexiko förmlich explodieren ließ. Selbst als mexikanische Organisationen in den achtziger Jahren die Kolumbianer aus dem Kokain-Geschäft verdrängten, blieb noch alles beim Alten.

          Kartelle beherrschen die Politik

          Die Allianz aus Politik und Rauschgifthandel zerbrach erst mit dem Ende der siebzigjährigen Herrschaft der Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) im Jahr 2000. Die Politik verlor die Kontrolle über die mafiaähnlich organisierten Kartelle. In deren Kreisen wiederum war dank der Nachfrage aus den Vereinigten Staaten nach alten und neuen Produkten wie Methamphetamin so viel Geld in Umlauf, dass immer mehr Spieler auf den Plan traten.

          Mit einem Mal legten nicht mehr die Politiker die Regeln fest, sondern die Kriminellen. Politiker kauften nicht mehr Kriminelle, sondern diese kauften Politiker. Kartelle steckten nicht mehr Einflussgebiete sorgsam voneinander ab, sondern kämpften gegeneinander um die Kontrolle von Städten und Transportrouten. Die mit äußerster Brutalität geführten Revierkämpfe eskalierten derart, dass sich Präsident Calderón im Dezember 2006 nicht anders zu helfen wusste, als das Militär auf die Straßen zu schicken. Jetzt ermordeten sich die Banditen nicht mehr nur wechselseitig, auch das Militär schoss ohne Vorwarnung.

          Die Bilanz nach zehn Jahre Drogenkrieg in Mexiko ist verheerend. Das Militär veröffentlicht seit zwei Jahren keine Statistiken mehr über die Zahl derer, die bei seinen Operationen auf der Strecke bleiben. Bis dahin kam auf acht Tote ein Verwundeter. Effektivere Killer gibt es nirgendwo sonst auf der Welt – was freilich nicht verwunderlich ist, weil die mexikanische Justiz zu den unfähigsten und korruptesten Institutionen des Landes gehört. Straflosigkeit für Menschenrechtsverbrechen der Sicherheitskräfte ist ebenso garantiert wie Straflosigkeit bei jeder Art von Kapitalverbrechen seitens der organisierten Kriminalität.

          Die Nachfrage der Amerikaner befeuert den Drogenkrieg

          Die Regierung hält sich unterdessen zugute, dass man zahlreiche Kartelle durch Verhaftungen oder Tötungen „geköpft“ habe und die Zahl der Gewaltdelikte zurückgegangen sei. Doch den Statistiken ist nicht zu trauen, viele Medien haben ihre Berichterstattung über Gewalt und Korruption längst eingestellt. Die Feuerkraft und die Effizienz der organisierten Kriminalität haben in diesen zehn Jahren kaum gelitten.

          Ob ein neues Angebot auf Nachfrage stößt oder die Nachfrage das Angebot erzeugt, ist schwer zu sagen. Aber diese Frage steht auch nicht im Kern des Problems. Vielmehr zeigt diese Dynamik, dass die Debatte über die Legalisierung dieses oder jenes Rauschgifts ins Leere läuft, weil es sich bei den Kartellen um extrem rationale Akteure handelt, die jede Marktnische sofort besetzen. Dieser organisierten Kriminalität legt man das Handwerk kaum durch den Bau von Mauern.

          Den größten Dienst würde Trump seinem Land und dem Nachbarn im Süden erweisen, wenn er den Zustrom von Waffen durch lückenlose Grenzkontrollen auf amerikanischer Seite unterbände und alles daran setzte, dass Mexiko ein Rechtsstaat wird – und dass die Nachfrage der Amerikaner nicht der Motor ist, der einen der schon jetzt wertmäßig größten Gütermärkte der Welt immer weiter wachsen lässt.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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