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Rennen ums Präsidentenamt : Der Messias von Mexiko

Der Linksnationalist Andrés Manuel López Obrador wird am Sonntag wahrscheinlich einen Erdrutschsieg bei den Präsidentschaftswahlen in Mexiko einfahren. Bild: EPA

Zweimal ist er schon gescheitert. Jetzt deutet alles darauf hin, dass der Linksnationalist López Obrador die Präsidentenwahl in Mexiko gewinnt. Denn er spricht vielen Mexikanern aus der Seele.

          5 Min.

          Jubel brandet auf, als Andrés Manuel López Obrador den Dorfplatz von Pichucalco betritt. Tausende haben in der stechenden Mittagshitze ausgeharrt, um den Präsidentschaftskandidaten zu sehen. Er weiß, was schiefläuft in Mexiko, und er nennt die Probleme beim Namen.

          Tjerk Brühwiller
          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          López Obrador spricht vielen Mexikanern aus der Seele. Eine „Mafia der Macht“ habe das Land zugrunde gerichtet. Er werde das Treppenhaus von oben nach unten auskehren, den Beamten die Privilegien streichen, verspricht er. In Pichucalco, einer Gemeinde mit 30.000 Einwohnern im Norden des bitterarmen Bundesstaates Chiapas, kommen solche Ansagen gut an. Die Region gehört zu den am meisten vernachlässigten in Mexiko. Drei Viertel der Bevölkerung leben hier in Armut.

          Als López Obrador davon zu sprechen beginnt, wie er als Präsident die Landwirtschaft fördern und die Sozialprogramme ausbauen wird, beginnen die Augen der Zuschauer zu leuchten. „Wer hat, der hat immer mehr. Und wer arm ist, der bleibt arm. Andrés Manuel wird das ändern“, sagt eine Frau unter den Zuhörern. Vor sechs Jahren habe sie Enrique Peña Nieto gewählt, doch sie sei enttäuscht vom Präsidenten. „Die Regierung hat uns vergessen.“ In Pichucalco und den Nachbargemeinden, aus denen viele angereist sind, wird die Mehrheit am 1.Juli López Obrador wählen.

          Erdrutschsieg erwartet

          Doch die Popularität des Politikers beschränkt sich längst nicht nur auf den armen Süden Mexikos. López Obrador – nach seinen Initialen kurz „Amlo“ genannt – hat Anhänger in allen Regionen und Schichten. Mexikaner aus armen Verhältnissen, aber auch Intellektuelle und vor allem junge Menschen werden ihm ihre Stimme geben. Mexiko steht vor einem politischen Erdrutsch.

          Das Rennen um die Präsidentschaft scheint schon seit Beginn des Wahlkampfes entschieden. In allen bisherigen Umfragen stand López Obrador an der Spitze – mit deutlichem Vorsprung zu seinen Kontrahenten. Und im Kongress dürfte seine erst vor vier Jahren gegründete Partei „Bewegung der nationalen Erneuerung“ (Morena) aus einer Mini-Fraktion zur absoluten Mehrheit aufsteigen.

          Nicht alle werden „Amlo“ und seine Morena-Partei aus Überzeugung wählen. Doch alle teilen sie die Enttäuschung über die vergangenen Regierungen und die etablierten Parteien in Mexiko. Sie schöpften Hoffnung, als die „Nationale Aktionspartei“ (PAN) im Jahr 2000 die jahrzehntelange Hegemonie der „Partei der institutionalisierten Revolution“ (PRI) vorläufig beendete. Und sie glaubten Peña Nieto, als er bei seiner Wahl vor sechs Jahren eine neue und gewissenhafte PRI versprach. Doch die Probleme sind bis heute dieselben: Korruption, Gewalt und Armut überschatten das Land. Sie haben die Mexikaner zornig gemacht. Sie wollen Veränderung, um jeden Preis. „Wen sonst soll ich wählen?“, heißt es immer wieder.

          Mit López Obrador könne es nicht schlimmer werden, glauben viele, vielleicht verändere sich sogar etwas zum Besseren. Das ist die Hoffnung, die über dem Platz in Pichucalco schwebt. Und López Obrador weiß sie zu schüren. Er präsentiert sich als die Lösung aller mexikanischen Probleme, als die Erlösung.

          Der mexikanische Trump

          Doch je länger man dem bisweilen etwas steif wirkenden Politiker im weißen Hemd auf der Bühne zuhört, desto mehr fragt man sich, woher der Erfolg dieses Mannes kommt. López Obrador hat eine lange Geschichte in der mexikanischen Politik. Sie begann in der PRI, der er bis 1988 angehörte. Als junger Politiker erlebte er das Mexiko der sechziger und siebziger Jahre mit, als der Staat eine starke Rolle spielte und von der PRI kontrolliert wurde. Diese Zeit scheint ihn geprägt zu haben. Das wird etwa bei seinen wirtschaftspolitischen Absichten greifbar. Die Wirtschaft Mexikos soll wieder werden wie damals: abgeschottet und mit einer starken Rolle des Staates im produktiven Sektor.

          Ganz deutlich wird das, wenn er davon spricht, dass Mexiko sich selbst versorgen sollte. „Wir haben Land, und wir haben Ressourcen“, sagt er, Mexiko brauche nicht Mais und Benzin zu importieren. Er vergisst dabei, dass sich die Bevölkerung Mexikos in den vergangenen fünfzig Jahren verdoppelt hat und dass die wirtschaftliche Entwicklung des Landes in den vergangenen zwei Jahrzehnten vor allem der Öffnung zuzuschreiben ist.

          Die Unternehmer sind besorgt und hoffen, dass López Obrador pragmatischer ist, als er in der Kampagne vermuten lässt. Bei seinen Anhängern weckt die Betonung der eigenen Stärke und der Unabhängigkeit jedoch Mut und Stolz. Einen Moment lang erinnert López Obrador an Präsident Donald Trump. „Mexiko first“, ist die nationalistische Botschaft, die in seinen Worten steckt.

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