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Mexiko : Die Kartelle scheuen den Krieg nicht

  • -Aktualisiert am

Verhaftet: Eduardo Arellano Felix, genannt „Der Doktor”, Anführer des Kartells in Tijuana Bild: dpa

Mehr als 6000 Mexikaner sind in dem „Drogenkrieg“ umgekommen, den Felipe Calderón ausrief. Der Präsident rühmt sich spektakulärer Fahndungserfolge. Doch hinter den Zahlen verbergen sich schockierende Schicksale, und ein Ende der Kämpfe ist nicht absehbar.

          7 Min.

          Mexiko leidet. Der „Drogenkrieg“, den sich Staat und Kartelle liefern, fordert täglich Todesopfer. Ein Ende der Gewalt ist nicht in Sicht. Hoffnungslosigkeit macht sich breit. Die anfängliche Kampfeslust der meisten Mexikaner ist längst abgeebbt und dem Wunsch nach einem baldigen Ende gewichen, und sei es ein Ende mit Schrecken.

          Fast zwei Jahre ist es her, dass Präsident Felipe Calderón unmittelbar nach seinem Amtsantritt den Drogenkartellen den Krieg erklärte – wörtlich. Er ließ 27.000 Soldaten und Bundespolizisten ins Land ausschwärmen, um das organisierte Verbrechen mit eiserner Faust zu zerschlagen. Unverhohlen stolz sagte Calderón in der vorigen Woche, als er den kolumbianischen Präsidenten Álvaro Uribe empfing, allein seit Mitte Oktober seien vier der zwölf wichtigsten Drogenbosse des Landes verhaftet worden.

          Zahl der Todesopfer verdoppelt

          Aber die Spirale der Gewalt dreht sich jeden Monat schneller. Die Kartelle scheuen die Konfrontation mit der Staatsmacht nicht. Kamen 2007 im „Drogenkrieg“ rund 2000 Verbrecher, Polizisten, Soldaten und Zivilisten zu Tode, sind in diesem Jahr schon jetzt mehr als 4000 Todesopfer zu beklagen.

          Untersuchung nach tödlichen Schüssen in Tijuana in der vergangenen Woche

          Hinter den Zahlen verbergen sich schockierende Schicksale. Mitte August wurden im malerischen Touristenstädtchen Creel in der Wüste von Chihuahua 13 Personen erschossen, unter ihnen der 16 Monate alte Edgar Arnoldo Loya. Er starb in den Armen seines ebenfalls getöteten Vaters, eines Lehrers, der mit seinen Schülern an einem Fest teilnahm und unvermittelt in die Schusslinie geriet, als mehrere Männer aus großer Distanz das Feuer eröffneten. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass die Mörder zwei Drogenhändler im Visier hatten. Weil sich diese unter die Festgesellschaft gemischt hatten, ließen elf weitere Personen auf dem Dorffest ihr Leben.

          Keine Sicherheit vor der Gewalt der Drogenbosse

          Creel ist als Durchgangsort für den Drogenschmuggel in die Vereinigten Staaten strategisch nicht unerheblich. Aber im Mexiko von heute ist man nirgends mehr sicher vor der Drogengewalt. Die Kartelle machen sich mittlerweile fast das gesamte Landesterritorium streitig. Rund 90 Prozent des in den Vereinigten Staaten konsumierten Kokains erreichen das Land über Mexiko. Nach den Worten der mexikanischen Armee betrug im vergangenen Jahr der Wert eines Kilogramms Kokain südlich der mexikanisch-amerikanischen Grenze 11.000 Dollar. Auf der anderen Seite wurden dafür nach Angaben der amerikanischen Drogenbehörde DEA zwischen 96.000 und 118.000 Dollar bezahlt.

          Das amerikanische Justizministerium schätzt den jährlichen Umsatz mit Rauschgift im Land auf bis zu 48 Milliarden Dollar. Der Löwenanteil davon fließt in die Kassen der mexikanischen Schmuggler. „Die kolumbianischen Kartelle von Cali und Medellín büßten Anfang der neunziger Jahre ihre führende Position ein, weil die kolumbianische und die amerikanische Regierung sie konsequent bekämpften“, sagt die Wissenschaftlerin Guadalupe González der Hochschule „Centro de Investigación y Docencia Económicas“ in Mexiko-Stadt. „Das mexikanische Verbrechen nutzte die Schwächung der Konkurrenz und übernahm sukzessive die Kontrolle über den Transport südamerikanischen Kokains in die Vereinigten Staaten.“

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