https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/metoo-in-frankreich-gruenen-parteichef-tritt-nach-vorwuerfen-zurueck-18345997.html

Frankreichs Grüne : Wenn MeToo zur politischen Waffe wird

Julien Bayou im Juli in Paris Bild: AFP

Der Parteichef der französischen Grünen, Julien Bayou, ist zurückgetreten. Er soll seine damalige Lebensgefährtin psychisch gequält haben. Nun droht die Partei, sich über den Umgang mit Gewalt gegen Frauen zu zerlegen.

          2 Min.

          Die MeToo-Debatte in Frankreich ufert immer mehr aus. Der Parteichef der grünen Partei Europe Ecologie Les Verts (EELV), Julien Bayou, ist jetzt nach Gewaltvorwürfen zurückgetreten. Seine Parteifreundin, die Pariser Abgeordnete Sandrine Rousseau, bezichtigte ihn im Fernsehen, seine damalige Lebensgefährtin psychologisch gequält und zu einem Suizidversuch getrieben zu haben. Juristische Ermittlungen gibt es nicht, auch fehlen Beweise. Aber Rousseaus Vorwürfe reichten aus, Ba­you „öffentlich hinzurichten“, wie der Intellektuelle Raphael Enthoven befand. Der 42 Jahre alte Grüne legte auch den Fraktionsvorsitz in der Nationalversammlung nieder. Er will weiterhin Abgeordneter bleiben.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Am Montagnachmittag hat seine Anwältin, die renommierte Strafverteidigerin Marie Dosé, die „unhaltbare Lage“ ihres Mandanten vor Journalisten erläutert. Viermal habe Bayou versucht, vor dem grünen Parteigremium zur Untersuchung von Gewalt gegen Frauen auszusagen, doch ihm wurde ein Termin verweigert, so Dosé. Die Vorwürfe seien nie präzise dargelegt worden, deshalb könne er sich auch nicht verteidigen. „Der gerechte Kampf gegen sexuelle Gewalt wird zu politischen Zwecken missbraucht“, entrüstete sich die Anwältin.

          Justizminister warnt vor Medientribunal

          Die 50 Jahre alte Rousseau gilt als politische Gegenspielerin des „Realos“ Bayou, eines der Architekten des Linksbündnisses Nupes. Sie bezeichnet sich selbst als „Ökofeministin“ und hat sich mit einem Feldzug gegen „virile“ Fleischgrill-Rituale im Sommer einen Namen gemacht. Ihren Lebensgefährten bezeichnet sie als „déconstruit“, was so viel heißen soll, dass er seine Männlichkeit abgebaut habe. Rousseau war bei der Auswahl des Präsidentschaftskandidaten unterlegen und ist seit dem schlechten Abschneiden Yannick Jadots (4,6 Prozent der Stimmen) auf eine politische Revanche aus.

          Sandrine Rousseau im August in der Nationalversammlung
          Sandrine Rousseau im August in der Nationalversammlung : Bild: AFP

          Zum Ende des Jahres soll ein neuer Parteivorstand bestimmt werden, und Rousseau will ihre Kandidatin Mélissa Camara an der Parteispitze platzieren. In der Partei stößt Rousseaus Strategie auf Kritik. „Für den Zusammenhalt der Partei ist das verheerend“, sagte Hélène Hardy, die dem Parteivorstand angehört. Bereits während der Vorwahlen hatte Rousseau versucht, sich als Opfer sexistischer Gewalt zu stilisieren. So bezichtigte sie den Bürgermeister von Grenoble, Eric Piolle, sie bei einer Veranstaltung brutal zur Seite gedrängt zu haben.

          Es ist nicht das erste Mal, dass die Grünen sich im Streit um den Umgang mit Gewalt gegen Frauen zerlegen. 2016 spaltete sich die Partei nach dem Rücktritt des grünen Vizepräsidenten der Nationalversammlung, Denis Baupin. Acht Frauen, darunter vier Abgeordnete, warfen Baupin vor, sie unsittlich berührt und sie mit anzüglichen SMS bombardiert zu haben.

          Die politische Kultur in Frankreich hat sich durch die MeToo-Debatte verändert. Justizminister Eric Dupond-Moretti kritisierte bei einer Pressekonferenz am Dienstag, dass ein Medientribunal über die Justiz erhoben werde. „Die Stimme der Frauen muss gehört werden, meinetwegen auch in den sozialen Netzwerken. Aber die sozialen Netzwerke können nicht ungefiltert diese Aussagen wiedergeben, die Justiz muss eingeschaltet werden“, mahnte der Justizminister.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Twitter-Chef in Aufruhr : Musk geht auf Apple los

          Der neue Twitter-Eigentümer behauptet, der iPhone-Hersteller drohe mit einem Rauswurf aus dem App Store und schalte kaum noch Anzeigen. Musk suggeriert, Apple wolle Twitter zensieren – und fragt: „Hassen sie freie Meinungsäußerung in Amerika?“
          Kanzler Scholz zusammen mit der Integrationsbeauftragten Reem Alabali-Radovan (links) und Innenministerin Nancy Faeser am Montag in Berlin

          Einbürgerungsrecht : Der nächste Ampel-Zwist

          Der Streit über das Bürgergeld ist gerade beigelegt. Doch jetzt meldet die FDP Kritik an den Plänen von Innenministerin Faeser zur Einbürgerung an. Die Liberalen sind nicht grundsätzlich dagegen – vermissen aber einiges.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.